Von Psychiatrie zu Autonomie

10. Oktober 2003, 21:52
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Als Horvath seinerzeit den ersten Gesundheitsstammtisch gründete, hatte er keine Ahnung, dass man das Selbsthilfe nennt - Kongress für Betroffene

Wien - Es war 1983, Ende Oktober, erinnert sich Christian Horvath. "Gegen 19.30 Uhr war ich plötzlich erkrankt. Etwas in mir war außer Kontrolle geraten. Angst, Selbstmordgedanken" - der Beginn einer vierjährigen Psychose. Heuer hat Christian Horvath die fünfte Psychose erlitten, die aber nur noch vier Tage gedauert hat - und am Donnerstag stand er als Präsident der Selbsthilfegruppe Crazy Industries auf der Bühne und machte anderen Mut. Beim "1. Wiener User-Kongress", den Psychiatrieerfahrene im Palais Auersperg für andere Betroffene organisiert hatten.

Erster Gesundheitsstammtisch Als Horvath seinerzeit den ersten Gesundheitsstammtisch gründete, hatte er keine Ahnung, dass man das Selbsthilfe nennt. Er bemerkte nur, dass alle hier ganz anders redeten als in der Ambulanz, wo sie "nur" Patient waren. Profitiert hätten beide, Ambulanz und Patienten. "In der Selbsthilfegruppe erkennt man die Anzeichen eines Rückfalls drei Wochen, bevor er passiert. Ein Arzt sieht den Patienten erst im Akutstadium."

Dialog

Entscheidend beim Autonomieprozess sei der Dialog der drei "Lager": Systemkritik - Systemreform - Alternativen, betont Peter Stastny vom New Yorker Albert Einstein College of Medicine. Es sei nicht einfach, aber man müsse sich gemeinsam auf Themen wie Zwang und Gewalt, Menschenrechte, Integration und sinnvolle Arbeit stürzen. Klar sei: "Nur Autonomie führt zur Integration."

Aggression

Auf der anderen Seite weiß Horvath: "Wo derart viele Verletzte zusammenkommen, entsteht Aggression. Es gibt viele Sozialpsychiater, die hochgradig am Dialog interessiert sind. Aber sie werden ihn abbrechen, wenn wir in die Gegenaggression gehen."

"Wertschätzung", so der Titel des von pro mente Wien unterstützten User-Kongresses, sei wichtig, aber nicht ausreichend. Entscheidend sei "Empowerment", fordert Stastny. Stärkung zur Autonomie kann auch über "einfachste Ingredienzien des Lebens" unterstützt werden. Heuer habe ein 42 Jahre alter Mann über Crazy Industries zum ersten Mal in seinem Leben Urlaub gemacht, berichtet Horvath. "Der hat sich jeden Grashalm einzeln angeschaut." (Roman Freihsl, DER STANDARD Printausgabe 10.10.2003)

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