Mordfall Nicole: Tod war ein "Overkill"

10. Oktober 2003, 22:22
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DNA-Gutachter nagelt den Angeklagten fest - dessen letzte Hoffnung sind Schuhbänder

Wien - In der Verwahrstelle des Gerichts liegen seit zehn Jahren Schuhbänder von Nicoles letzten Winterstiefeln. Ihr Mörder im Laaer Wald hatte versucht, sie damit zu erdrosseln, bevor er den Ast nahm, mit dem er sie erschlug. Das war zu Weihnachten vor 13 Jahren, am Heimweg des Kindes. Heute, knapp vor dem Urteil, kommt man auf die Idee, die Schuhbänder nach DNA-Spuren zu untersuchen. Deshalb wird der Mordprozess gegen Michael P. auf Anfang Dezember vertagt.

Am dritten Verhandlungstag ist das Gesprächsniveau hoch. Die Gutachter sind am Wort und geben es nur ungern wieder her. Der Sexualmordprozess hat plötzlich akademische Ästhetik, der grausame Tod der achtjährigen Schülerin wird bildhaft und scheint Filmkunststücken entlehnt.

Kriminalpsychologe fühlt in einen werdenden Mörder hinein

Der berühmte Kriminalpsychologe Thomas Müller fühlt sich für die Geschworenen in einen werdenden Mörder hinein und hat dabei drei Entscheidungen zu treffen: "Wer ist mein Opfer? Wie bringe ich die entsprechende Person um? Und was mache ich mit der Leiche?" Müllers Arbeit bestehe darin, aus den Antworten die Täterpersönlichkeit herauszulesen.

Täter-Opfer-Beziehung

Im Falle Nicole leitet er aus der Tatortanalyse ein "persönliches Tötungsdelikt", eine "tief greifende Täter-Opfer-Beziehung" ab. (Er tat dies schon, bevor man mittels DNA auf Michael P., den Bekannten der Familie Strau, stieß.) Dafür spreche ein so genannter "Overkill", Verletzungen, die über den Tod hinausgingen, "Schläge in übertriebenem Maß" mit dem Ast auf den Kopf des Kindes. Das seien Indizien für Aggression gegen eine bekannte Person, sagt der Psychologe. Danach hatte der Täter den Körper des toten Mädchens mit Laub zugedeckt. Darin sieht Müller eine "Geste der emotionellen Wiedergutmachung". Auch dies deute auf Bekanntschaft hin.

Vernichtende DNA

"Als Spurenverursacher kommt der Angeklagte infrage." - So zurückhaltend drückt sich der Innsbrucker Gerichtsmediziner Walter Rabl zunächst aus. Aber es bleibt nicht dabei. Denn die Wahrscheinlichkeit, dass die Spermaspuren, die man im Körper der Toten fand, von jemandem anderen als dem Angeklagten stammen, die Wahrscheinlichkeit, dass es einen zweiten Menschen mit dem gleichen genetischen Fingerabdruck gibt, betrage eins zu 1.000,000.000,000.000. Da verwundert es nicht, dass Michael P., der 37-jährige Gelegenheitsarbeiter, der das Gefängnis aus langjähriger Erfahrung kennt, plötzlich unruhig auf der Bank herumwetzt. Noch immer gilt, was er am ersten Prozesstag gesagt hat: Er fühlt sich von der Polizei, dem Innenminister, der Gerichtsmedizin "gelinkt".

Gutachten deckt sich mit Tathergang

Mit besonderer Akribie legt dann auch noch der Hessener Gerichtsmediziner Claus Henßge sein Gutachten vor. Stolz erzählt er von 70-tägigen Untersuchungen an Dummys mit dem Gewicht der Toten, die auf Körpertemperatur gebracht und mit Laub bedeckt wurden. An ihnen maß er, wie schnell sie sich abkühlten. Diese Zahlen wurden mit den Messungen an Nicoles Leiche verglichen, um den Zeitpunkt des Todes zu ermitteln. Der Gutachter kommt "bei leicht feuchtem Laub" auf 17.30 bist und 22.30 Uhr. Das deckt sich mit dem in der Anklage beschriebenen Tathergang.

"Und was sagen Sie jetzt?", fragt der Richter den Angeklagten. - "Schauen wir uns amal die Schuhband'ln an", schlägt er vor. Er hofft noch. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 10.10.2003)

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