Ein Soundtrack für flüchtige Bilder

17. Oktober 2003, 21:00
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Der als Produzent von U2 und Dylan zu Starruhm gekommene Daniel Lanois gastierte mit seiner Band in der Szene Wien

Der als Starproduzent bekannte Kanadier Daniel Lanois (U2, Bob Dylan...) präsentierte live in der Szene Wien Ausschnitte aus seinen drei Alben. Ein Abend im Zeichen intelligenter Reduktion und Sanftmut.


Wien – Ein wenig musste man an einen anderen großen Kanadier denken, als Daniel Lanois am Dienstag in der Szene Wien nur mit Schlagzeugbegleitung auf der Bühne stand. An Neil Young nämlich. Wie dieser spielt Lanois – wie man im Sport so schön sagt – seine Gitarre mit viel Körpereinsatz. Doch während Young damit meist ordentlichen Lärm verantwortet, entlockte Lanois seinem Instrument selbst in den lautesten und rockigsten Passagen des Konzerts immer Wohlklang, der sein evidentes Bedürfnis nach Harmonie untermauerte.

Oft war es vielmehr ein Spiel mit Sounds, die an die Ambiente-Studien seines Kollegen Brian Eno erinnerten. Verhaltene Pedal-Steel-Skizzen, in denen er – im Verein mit wattiert klingenden Drums – Motive schuf, die an Soundtracks erinnerten. Soundtracks zu flüchtigen Bildern, Gefühlstupfer für Momentaufnahmen und verschwommene Schatten.

Schlafwandlerisch

Und hier kommt Neil Young gleich noch einmal ins Spiel: Lanois’ Liveset erinnerte über weite Strecken an den Filmscore, den Young für den Jim-Jarmusch-Western Dead Man eingespielt hat: Young vertonte mit Motivvariationen und eruptiven Rhythmen allein an der E-Gitarre kongenial gespenstische Szenarien und wies mit seinem Spiel unbeirrbar den Weg, den Hauptdarsteller Johnny Depp schlafwandlerisch beschritt. Bei Lanois, der ganz in Schwarz und einer ebensolchen, tief ins Gesicht gezogenen Mütze auftrat, bedeutet dieser Weg sehr oft einen Ausflug ins epische Fach. Das weite Tal, die große Geste, sie sind, bei gleichzeitig angestrebter Intimität, Lanois’ Wirkungsstätte.

Mit diesem Talent verantwortete der heute 51-Jährige als Produzent von U2, Bob Dylan, Willie Nelson, Countrygöttin Emmylou Harris, den Neville Brothers und vielen anderen mehr jenen originären Sound, der, um im Einzugsgebiet von Kino zu bleiben, an einen Weichzeichner erinnert, allerdings ohne Ausdünnung der transportierten Information. Das macht ihn zu einem der gefragtesten und entsprechend hoch dotierten Produzenten im Business.

Das Geraunze des U2-Chefleiders Bono Vox klingt gerade deshalb für viele so authentisch, weil Lanois ihm dafür kongenial die Rahmenbedingungen schuf. Andererseits federte er die Bitterkeit von Bob Dylan auf dessen Meisterwerk Time Out Of Mind so weit ab, dass selbst in den tiefsten Kellergeschoßen dieses Werks noch ein Lichtstrahl der Hoffnung zu entdecken war. Ein sensibler Zeitgenosse also.

Live durchquerte Lanois seine drei Alben. Jolie Louise, einen Cajun-Song aus 1989, hob er in den Rang einer gutmütigen Ballade, während er – getrieben von Brian Blades virtuosem Rhythmusspiel – mit The Maker eines jener sehnsüchtig in die Ferne schweifenden Stücke gab, das man auch von Willie Nelson kennt.

In Falling At Your Feet, einem Stück seines heuer veröffentlichten Albums Shine, auf dem auch Bono Vox als Gastvokalist vertreten ist, übernahm das Publikum ungleich sympathischer den Part der irischen Sirene, während Lanois’ Spiel unendlichen Sanftmut verkörperte. Jene Charaktereigenschaft, die man sich erlauben kann, wenn man sich der eigenen Stärke bewusst ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 16.10.2003)

Von Karl Fluch
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    foto: edel
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