Der Zwist der Nibelungen

9. Oktober 2003, 17:54
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Pompöse "Gedenkfeier für Siegfried Unseld": Der Suhrkamp Verlag feiert sich in der Paulskirche

Längst ist die Frankfurter Buchmesse weit eher ein Ort des Gesprächs, der Kontakte, der Werbung in eigener Sache als eine Lizenzen-Messe. "Neue Kontakte knüpfen", nannten bei einer Umfrage 43,3 Prozent der Aussteller als Grund Nummer eins für die Präsenz in Frankfurt.

Kontakte aber knüpfen sich bekanntlich leichter in behaglicher Atmosphäre als inmitten der hektischen Betriebsamkeit der Messe-Waben. Weshalb der interessanteste Teil der Buchmesse sich erst ereignet, wenn das Messegelände seine Pforten schließt – in der Nacht. Dann, wenn große wie kleine Verlage zu ihren Empfängen laden, je nach Standort und Vermögen in die eigenen Verlagsräume, in noble oder weniger noble Hotels.

Den unumstrittenen Höhepunkt der Grand Tour durch die Verlagseingeweide aber bildet alljährlich der Suhrkamp-Empfang. Jeweils mittwochs, um 17.00 Uhr, fand sich, wer eine der begehrten Einlasskarten sein Eigen nannte, in der Klettenbergstraße ein. Dort lud Siegfried Unseld in sein durchaus bescheidenes Privathaus. Bei Wein und betont kargen Häppchen lauschte man der Lesung eines Suhrkamp-Autors – und knüpfte in den beengten Räumlichkeiten, Wohnzimmer oder Flur, was man in Frankfurt nun einmal knüpfen soll: Kontakte.

Schon im vergangenen Jahr war dies nicht länger möglich. Siegfried Unseld lag im Sterben. Entsprechend bedrückt vollzog sich der Empfang in den Verlagsräumen in der Lindenstraße. Nun ist Unseld tot, und seit längerem kursieren Gerüchte über interne Differenzen im Verlag.

Zwar verstarb der Patriarch nicht ohne die Umsetzung seines letzten Coups, die Gründung einer Stiftung. Doch die darin festgeschriebene Verteilung der Macht auf zwei Protagonisten bietet hinreichend Spielraum für Zwist. Offiziell leitet bis heute der Geschäftsführer Günter Berg die operativen Geschäfte des Verlags. Ihm gegenüber steht Unseld- Witwe Ulla Unseld-Berkéwicz als Stiftungs-Vorstand. Sie hat, ihrerseits kontrolliert durch den Stiftungsrat aus Suhrkamp-Weisen wie Hans-Magnus Enzensberger, Alexander Kluge oder Jürgen Habermas, das Einspruchsrecht in alle Entscheidungen Bergs, de facto das letzte Wort.

Pompöses Gedenken

Seit Monaten wollten nun die Gerüchte über den "Nibelungen-Zwist" im Verlag nach Siegfrieds Tod nicht verstummen. Nahrung erhielten sie durch den Umstand, dass Berg zu keinem Interview bereit ist. Desto gespannter blickte die Branche nach Frankfurt, auf die Gestaltung des diesjährigen Verlagsfestes.

Dessen Gestaltung übertraf alle Erwartungen. Kein geringerer Ort wollte genügen für die pompöse "Gedenkfeier für Siegfried Unseld" als die geschichtsträchtige Frankfurter Paulskirche. Dorthin lud neben Ulla Unseld-Berkéwicz nicht Günter Berg, sondern Petra Roth, die Frankfurter Oberbürgermeisterin.

Gemessenen Schritts, Seite an Seite, hielten die Damen Einzug in das flaggenumkränzte Kuppelrund. Es folgten 150 Minuten und 16 Programmpunkte des Gedenkens an Siegfried Unseld. Acht Autoren des Verlags lasen Passagen aus des Verlegers Werken, aus des Verlegers Briefen, aus des Verlegers Büchern. Sieben berühmtere, ältere Autoren, von Louis Begley über Cees Nooteboom, Jorge Semprún und Adolf Muschg, gedachten seiner mit eigenen Worten.

Dazwischen bemühte sich die Oberbürgermeisterin eher vergeblich, ihrerseits eine Prise Intellektualität zwischen viele Ausrufungszeichen zu streuen. "Was war das für eine Persönlichkeit des vergangenen Jahrhunderts!" "Selbstverständlich war er ein Verleger-Titan!" "Entscheidend waren für mich seine Einzigartigkeit, seine überragende Individualität!"

Zuletzt führte Friederike Mayröckers stille, wahre Trauer um – ihren – verstorbenen Lebensgefährten Ernst Jandl über zum pathossatten Schlusswort der Gastgeberin- Witwe, das in den kryptischen Hinweis mündete: "Es wird so bleiben. In anderer Weise. Nach seinem Sinne. Mit unseren Kräften." Amen. Günter Berg, der Geschäftsführer, schien weder als Redner noch als Gastgeber auf. Wie hatte es Christoph Hein formuliert? "Die Umstände werden umständlicher."

(DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2003)

Cornelia Niedermeier aus Frankfurt/Main
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Siegfried Unseld (1924-2002)

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