Neulich, als wir im Sterben lagen

16. Oktober 2003, 20:07
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Mit dem Album "Absolution" bringt das britische Trio Muse das Phänomen der Hysterie auf einen neuen Höhepunkt

Mit dem Album "Absolution" bringt das britische Trio Muse in der Nachfolge von Nirvana nicht nur das Phänomen der Hysterie auf einen neuen Höhepunkt. Die manisch-depressiven Songs liefern auch den Soundtrack für eine Generation der immer schon Zuspätgekommenen.


Wien – Gerade in den Jahren, die im Nachhinein immer als die schönsten eines Lebens verklärt werden, verhält es sich so: Der Mensch ist oft traurig. Dramatische Dominantseptakkorde bei gleichzeitigem Ringen um Erlösung im Bereich einer sich über die Instrumente legenden Kopfstimme bei angezogenem Tempo sind die Folge.

Das mag zum einen daran liegen, dass man hier kurz nach der Pubertät eine lauter werdende Ahnung davon bekommt, so manches, aber keinesfalls einzigartig zu sein. Zum anderen entwickelt man aufgrund eines intensiv empfundenen Minderwertigkeitskomplexes einen biblischen Hass auf alles, was in der Welt schief geht.

Wie gut, dass es als Ventil das künstlerische Mittel der Überhöhung gibt! Das britische Trio Muse steuert mit dem damit einhergehenden Vollbad im Selbstmitleid derzeit wie keine andere musikalische Kraft im Gewerbe den Soundtrack zum Untergang von den großen Träumen im kleinen Leben bei.

Wut, Verzweiflung, Depression, gemildert höchstens noch durch melancholische Zwischenbefindlichkeiten. Wuchtige erratische Blöcke, schwere bis schwermütige Klavierakkorde in der Schule von Rachmaninow, Liszt – und Richard Clayderman. Die wehmütig-verkitschte Tonspur des Teenager-Melodrams La Boum – Die Fete, gedeutet als verhallte Absage an das irdische Dasein.

Plötzlich fräsen grobschlächtige Gitarren dazwischen, ebenso von den Bombast-Rockern Queen ausgeborgte, quengelige Synthesizer. Die schneidende Gesangsstimme im Stile von Kurt Cobain tut das ihre. Der manische Bandleader Matt Bellamy greint schon in jungen Jahren mit nicht einmal 25 bis dato gefeierten Silvesterkatern von den letzten Dingen.

Das Ende der Welt

Im nach den Studioalben Showbiz und Origin of Symmetry und dem dazwischengeschobenen Live-Dokument Hullabaloo nunmehr vorliegenden Vierten Buch der Apokalypse, dem gerade in den österreichischen Charts im Spitzenfeld liegenden Opus Absolution, heißt es: "Es wäre an der Zeit für Wunder. Ein Wunder, hey, macht schon, es wäre an der Zeit für etwas von biblischen Ausmaßen, das uns hier durchhilft. Das ist das Ende der Welt!"

Dann rappelt es in der Kiste und es folgen harmonische und rhythmisch komplizierte Strukturen, die das Herzblut ihrer Vorbilder mit der Muttermilch aufgesogen haben: Das hier klingt nach gebrochener Hysterie im Stile von Radiohead. Die unvermeidlichen Nirvana schauen mit der geladenen Schrotflinte um die Ecke. Hier leiden die kongenialen Coldplay nicht an der Ungerechtigkeit in der Welt. Matt Bellamy und Muse leiden schlichtweg an der Welt.

Dazu setzt es bombastische Akkordwechsel und Breaks, wie man sie seit Freddie Mercury und Queen in den mittleren 70er-Jahren nicht mehr gehört hat. Die Songtitel sprechen Bände: Apocalypse Please. Time Is Running Out. Die wunderbare Leidenshymne Sing For Absolution. Das bezeichnende Hysteria. Und: Thoughts Of A Dying Atheist. Schließlich auch noch Stockholm Syndrome, eine Annäherung an das psychologische Phänomen dessen, dass sich Geiseln mit zunehmender Haftdauer mit ihren Geiselnehmern zu solidarisieren zu beginnen.

Was 1999 mit dem Video Muscle Museum auf dem von Madonna betriebenen Label Maverick begann, dem Clip in der Geschichte des Pop, in dem definitiv am meisten weggeweint und Nerven weggeschmissen werden, hat sich bei den drei Hütern des Schmerzes aus dem britischen Devon mittlerweile zu einer hohen Kunst entwickelt.

Das Zauberwort heißt Hysterie. Gelenkt in künstlerische Bahnen. Hysterie beruht auf dem übersteigerten Wunsch, geliebt zu werden. Zustände der Euphorie und Depression wechseln sich in unschöner Regelmäßigkeit ab. Im Song Hysteria heißt es: "It's bugging me, grating me and twisting me around. Yeah, I'm endlessly caving in – and turning inside out."

Man kann von dieser maßlosen, selbst in stillen Momenten überbordenden Musik aufgrund ihres plakativen Ansatzes abgestoßen sein. Man kann sich über die pubertäre Lyrik lustig machen. Entziehen kann man sich der Faszination nicht. Das Sittenbild einer Generation der immer schon Zuspätgekommenen. Seit Nirvana hat sich nichts zum Guten verändert. Beklemmung jetzt! Das in seinem Gebiet beste Stück Musik, das man gegenwärtig für Sozialhilfe beziehen kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2003)

Von
Christian Schachinger

Muse live: 25. 10., Gasometer, 1110 Wien

  • MuseAbsolution (Motor/Universal)
    foto: universal

    Muse
    Absolution
    (Motor/Universal)

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