Patienten-Klagen häufen sich bei Hüftoperationen von "Onkel Roboter"

16. Oktober 2003, 09:30
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Computer nicht "automatisch" besser

Computer müssen nicht "automatisch" besser arbeiten: Allein in Deutschland wollen rund 200 Patienten vor Gericht ziehen, die sich nach Gelenksoperationen mit Roboterunterstützung geschädigt fühlen. Eine Klage gegen den Gerätehersteller in den USA ist in Vorbereitung. Die Gerichte werden es allerdings schwer haben, denn die Mediziner sind geteilter Meinung über Nutzen und Schaden von operierenden Robotern.

Seit 1994 wurden in Deutschland 12.000 computergesteuerte Hüftgelenkoperationen durchgeführt, die Hälfte davon an der Berufsgenossenschaftlichen (BG) Unfallklinik in Frankfurt. Zwei Geräte sind auf dem Markt: das US-Modell "Robodoc" und der deutsche "Caspar". Bei beiden bohrt eine computergesteuerte Fräsmaschine ein Loch in den Oberschenkelknochen, um darin eine künstliche Hüfte zu verankern.

BG-Klinikdirektor Prof. Manfred Börner steht weiter hinter der Methode. Der Roboter fräse präziser, deswegen habe die Prothese mehr Kontakt mit dem Knochen, wachse schneller ein und halte länger. Nicht wenige Kollegen sehen Robodoc und Caspar jedoch kritisch.

"Einiges deutet darauf hin, dass Muskel- und Nervenschäden tatsächlich häufiger auftreten", sagt Prof. Wolfhart Puhl, Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft Endoprothetik und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie. Ein möglicher Grund könnte sein, dass der Patient für die Operation "in einer Extremposition eingespannt" werden muss. Zudem erkenne der Roboter nur Knochen, keine Muskeln oder Weichteile. Das Argument des passgenauen Fräsens zieht für ihn nicht: Ein Mensch sei zwar nicht so genau, aber er könne "fühlen, sehen, hören, wo er hinfräst".

Der Freiburger Anwalt Jochen Grund vertritt knapp 200 Mandanten aus ganz Deutschland, die Robodoc- oder Caspar-Operationen für ihre Folgebeschwerden verantwortlich machen. Zwei Drittel der Klagewilligen wurden ihm zufolge in Frankfurt operiert. Sie klagen über Muskel- und Nervenschäden. Sie hätten Schmerzen beim Laufen, "watschelten" auf eine bestimmte Art, müssen teils ständig Schmerzmittel schlucken, berichtet Grund.

Im November will der Anwalt eine Klage gegen den US-Hersteller von Robodoc in Los Angeles einreichen. Der Vorwurf: Das Verfahren ist für Hüftoperationen ungeeignet, es biete "nur Nachteile, aber keine Vorteile". In Deutschland versucht Grund außergerichtliche Einigungen mit den Kliniken und den Versicherungen auszuhandeln. Zudem sind an deutschen Gerichten 30 so genannte Beweisverfahren anhängig, um zu klären, inwieweit die Folgeschäden tatsächlich auf diese Operationsmethode zurückzuführen sind.

Unterdessen sinkt die Nachfrage nach Robodoc- oder Caspar-OPs rapide. In Frankfurt, wo bis zu 1.200 Patienten pro Jahr operiert wurden, wird das Gerät in diesem Jahr höchstens 500 Mal zum Einsatz kommen. Andernorts stehen der Orthopäden-Gesellschaft zufolge viele Geräte ungenutzt oder gar noch originalverpackt im Keller.(APA/dpa)

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