Neil Postman - Fundamentaler Kritiker der Informationsgesellschaft ist tot

16. Oktober 2003, 09:33
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Der US-"Medien-Ökologe" prangerte "technologische Verdummung", gesellschaftlichen Infantilismus und Verlust der Kindheit an

Der Titel seines Bestsellers "Wir amüsieren uns zu Tode" (1985) wurde zum geflügelten Wort, sein Name zum Synonym für plakative fundamentale Kritik an der modernen Informationsgesellschaft: Jahrzehnte lang wetterte der vergangenen Sonntag verstorbene "Medien-Ökologe" Neil Postman gegen "technologische Verdummung", gesellschaftlichen Infantilismus und den Verlust der Kindheit durch das kommerzielle Fernsehen und die global vernetzte Computerwelt.

In der Informationsflut ertrinken

Gern wurde der Professor an der New Yorker Universität mit dem Propheten Jeremias verglichen, der ein halbes Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung den Untergang des Reiches Juda verkündete. Die Menschheit werde in der Informationsflut des Info-Highways ertrinken, prophezeite Postman und malte das Gespenst einer "allgemeinen Orientierungslosigkeit" an die Wand. Wir leiden an "kulturellem Aids", so Postman, weil unser "Immunsystem unter der ungefilterten Informationsflut zusammenbricht".

"Infotainment" fördert unmündige Bürger

Der Zwang zur Bebilderung führe zu einer Entleerung der Inhalte von Politik und Kultur, kritisierte der Kommunikationswissenschafter insbesondere das kommerzielle Fernsehen, das "Infotainment" ziehe unmündige Bürger heran, führe zu einem Verfall der menschlichen Urteilskraft und bedrohe damit die Basis der Demokratie. Postman prangerte zudem die sinnliche Verarmung der weltweiten Online-Gemeinschaft an, in der Computer-Shopping, Computer-Studium und Computer-Erotik das volle Leben ersetzten.

Computer-Verweigerer

Er selbst verweigerte sich dem Computer und schrieb weiterhin mit Filzstift auf Papier. Sein letztes Werk, "Die zweite Aufklärung. Vom 18. ins 21. Jahrhundert" erschien 1999. Bestseller wurden nach "Wir amüsieren uns zu Tode" auch "Das Verschwinden der Kindheit" (in Deutschland 1984), "Die Verweigerung der Hörigkeit" (1988) und "Das Technopol. Die Macht der Technologien und die Entmündigung der Gesellschaft" (1992).

"Info-Junkies" und "Technologie-Idioten"

Was den "Info-Junkies" und "Technologie-Idioten", wie Postman mit seiner Vorliebe für drastische Formulierungen insbesondere seine amerikanischen Zeitgenossen abqualifizierte, eigentlich fehle, sei nicht Information, sondern schlichtweg "Sinn". Die unangefochtene Autorität, die im Mittelalter die Religion für die Menschen hatte, werde heute der medial vermittelten Wissenschaft zugestanden, monierte Postman. Kritiker hielten dem von manchen Wissenschaftern wegen seiner "Simplifizierungen" nicht ernst genommenen Medienphilosophen allerdings vor, mittlerweile längst selbst integraler Bestandteil des von ihm angeprangerten Systems zu sein - und nicht schlecht davon zu leben.

Der am 8. März 1931 in Brooklyn geborene Vater von drei erwachsenen Kindern begann seine Karriere als Volksschullehrer. Er hoffte auf den Einfluss der Schulen, die Informationsflut zu stoppen. In seinem Buch "Keine Götter mehr. Das Ende der Erziehung" (1995, Berlin Verlag) empfahl er Lehrern, Respekt vor der Umwelt zu vermitteln und eine Ethik, die auf den Grundsätzen der großen Religionen aufbaut - statt den Umgang mit Computern zu lehren.(APA)

  • Neil Postman 1931-2003
    foto: epa/elsner

    Neil Postman 1931-2003

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