Susan Sontag erhält Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

15. Oktober 2003, 09:48
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Amerikanische Provokateurin und Kämpferin für "Würde des freien Denkens" (Von Daniel Jahn/AFP)

Washington (AFP) - Sie ist eine Provokateurin ersten Ranges, das enfant terrible der US-Literatur. In den USA hat Susan Sontag mit ihrer scharfzüngigen Kritik an der Regierungspolitik seit den Anschlägen des 11. September Wellen von Wut und Abscheu vor allem aus konservativen Kreisen auf sich gezogen. In Deutschland empfängt sie dagegen jetzt höchste Ehren: Am Sonntag wird die Romanautorin und Kulturtheoretikerin in der Frankfurter Paulskirche mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet.

Sontag trete "in einer Welt der gefälschten Bilder und der verstümmelten Wahrheiten" für die "Würde des freien Denkens" ein, begründete der Börsenverein des Deutschen Buchhandels seine Entscheidung. Dass die seit vier Jahrzehnten als Kritikerin der amerikanischen Kultur und Politik auftretende Autorin ausgerechnet jetzt geehrt wird, hat freilich Spekulationen über mögliche politische Motive der Preisvergabe ausgelöst. Schließlich hatte Sontag zuletzt vor allem durch ihre Opposition gegen den Irakkrieg für Aufsehen gesorgt.

Die 70-jährige New Yorkerin ist allerdings eine zu sperrige Denkerin, als dass sie sich leicht vereinnahmen ließe. So zweifelte sie zwar die Begründungen von Präsident George W. Bush für den Krieg an und warnte, dass der Irak nach Saddam Hussein in die Hände islamischer Fundamentalisten fallen könne. Doch räumte sie durchaus ein, dass Saddam Hussein "ein Diktator von grenzenloser Bosheit" sei, was die Opposition gegen den Krieg zu einer schwierigen Angelegenheit mache.

Sontag ist auch keine Pazifistin. Militärische Operationen heißt sie dann gut, wenn Völkermord gestoppt werden soll. Die NATO-Interventionen in Bosnien und Kosovo hielt sie deshalb für gerechtfertigt. Über die Jahre hinweg hat Sontag über die Gewaltfrage nachgedacht, dabei stets die eigenen Positionen hinterfragt und fortentwickelt. Die Selbstgewissheit anderer Meinungsmacher ist ihr grundsätzlich fremd - als selbstkritische Denkerin begreift sie keine Antwort als abschließend und wird stets von neuen Fragen vorangetrieben.

Dieser rastlose Geist hat ein breitgefächertes Werk aus Romanen, Essays, Theaterstücken und Drehbüchern geschaffen, das in mehr als 30 Sprachen übersetzt ist und in dem sich die Turbulenzen ihres Lebens und ihrer Generation spiegeln. Sontag war ein "Wunderkind", das mit sieben Jahren die ersten Gedichte und Geschichten schrieb und mit 15 das Hochschulstudium begann, das sie von Berkeley über Chicago und Harvard bis nach Oxford führte. Auch sonst war sie ein Frühstarter: Mit 17 heiratete sie einen Soziologiedozenten, mit 19 wurde sie Mutter eines Sohnes - er blieb allerdings ihr einziges Kind.

Mit 26 ließ sich Sontag scheiden, danach begann ihr schriftstellerisches Leben. Vor allem mit den Essaybänden "Notes on Camp" und "Gegen Interpretation" machte sie in den 60er Jahren Furore. Revolutionär war an ihren Studien, dass sie die Barrieren zwischen "Kunst" und "Popularkultur" aufhob und Genres wie Science Fiction oder Pornographie der kulturkritischen Analyse unterwarf. In ihrem jüngsten Werk "Das Leiden anderer betrachten" setzt sich Sontag mit der Kriegsfotografie auseinander. Das Werk ist durch ihre vielen Besuche in Sarajevo während des Bürgerkriegs inspiriert. In der belagerten bosnischen Hauptstadt inszenierte sie damals eine Aufsehen erregende Aufführung von Samuel Becketts "Warten auf Godot".

Bereits seit den 60er Jahren hat Sontag auch mit politischer Polemik für Schlagzeilen gesorgt. Während des Vietnamkriegs zog sie die Wut konservativer Kreise auf sich, als sie etwa verkündete, Amerika sei "auf den Völkermord gegründet". Nie war der Hass auf Sontag aber so intensiv wie nach dem 11. September. Weil sie die Anschläge als "Konsequenz der Politik, Interessen und Handlungen" der USA erklärte, wurde sie mit Beschimpfungen und Morddrohungen überschwemmt. Sontag milderte zwar später ihre Position zum 11. September ab, blieb aber in ihrer Kritik am Regierungskurs konsequent: Bush missbrauche die Anschläge als "Einfallstor" für eine Politik der "militärischen Expansion", sagte sie vor einigen Monaten in einem "Spiegel"-Interview.

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