Rund um Herz und Thorax

15. Oktober 2003, 12:39
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Von Live-Operationen, Robotern, Herzklappen und neuen Behandlungsmethoden - Fachkongress in Wien

Wien - Am Sonntag begann im Austria Center Vienna die Jahrestagung der europäischen Herz- und Thoraxchirurgen (bis 15. Oktober). Zumindest 4.500 Fachleute werden erwartet. Die Themen reichen von der Roboter-Technik bis hin zu neuen Herzklappen, wurde bei einer Pressekonferenz im Vorfeld betont.

Eine für die Betroffenen ganz wichtige neue Entwicklung: Die Reduktion des Lungenvolumens bei schwerem Emphysem (Lungenblähung). Univ.-Prof. Dr. Walter Klepetko von der Klinischen Abteilung für Herz-Thoraxchirurgie am Wiener AKH (Leiter: Univ.-Prof. Dr. Ernst Wolner): "Das ist eine der häufigsten Lungenerkrankungen."

Gewinn an Lebensqualität"

Durch die Überblähung von Anteilen der Lunge ähnlich einem Luftballon können die übrigen Lungenteile nicht mehr ausreichend funktionieren. Hier wurde vor einigen Jahren eine Operationsmethode eingeführt, mit der die schlechtesten Lungenareale entfernt werden und der Rest des Organs entlastet wird. Klepetko: "Die Erkrankung schreitet zwar voran, aber die Patienten haben während der Jahre, in der der Effekt des Eingriffs anhält, einen massiven Gewinn an Lebensqualität."

Hier gibt es allerdings eine Neuentwicklung, die bei dem Kongress präsentiert wird: Statt Gewebe zu entfernen, werden besonders schlecht funktionierende Lungenteile durch die Implantierung von Einweg-Ventilen ausgeschaltet. Der Wiener Experte: "Weltweit wurden bisher rund 80 Patienten mit dieser Methode behandelt." Jetzt soll eine große weltweite Studie gestartet werden.

Lungentransplantationen

Mit 60 bis 70 Lungentransplantationen pro Jahr ist das Wiener AKH weltweit mit an der Spitze. Die Ein-Jahres-Überlebensrate der Patienten beträgt bereits 85 Prozent. Neue Techniken sind hier zum Beispiel die "gesplittete" Verpflanzung von Lungenflügeln- bzw. Lungenlappen. Dadurch kann mit den Organen eines Spenders mehr Menschen geholfen werden.

Bei dem Jahreskongress der zwei europäischen Fachgesellschaften für Herz- und Thoraxchirurgie werden bei einer eigenen Veranstaltung auch die neuesten technischen Entwicklungen der Industrie präsentiert. Der Wiener Spezialist Univ.-Prof. Dr. Martin Grabenwöger: "Der richtige Weg ist, dass der Arzt sagt, wie ein Produkt aussehen soll."

Live-Operationen

Präsentiert und mit Live-Operationen aus dem Wiener AKH sowie einer Klinik in Leipzig bei dem Kongress dokumentiert werden beispielsweise Bypass-Operationen am schlagenden Herzen. Hier werden ständig neue Stabilisatoren entwickelt, welche das Operationsareal ruhig stellen sollen.

Am schlagenden Herzen werden aber auch schon Eingriffe per Roboter durchgeführt. Hinzu kommen Nahtgeräte, mit denen besonders exakte Gefäß- und Gewebenähte durchgeführt werden können. In Erprobung befinden sich auch neue künstliche Herzklappen, welche die Vorteile der mechanischen (beschichtetes Metall) mit jenen aus Material vom Schwein verbinden sollen. Solche Bio-Klappen sollen - so wie die mechanischen - lebenslang funktionieren.

Behandlung von Lungenkarzinomen

Wesentliche Fortschritte zeichnen sich auch bei der Behandlung von Lungenkarzinomen ab. Univ.-Prof. Dr. Walter Klepetko: "Das Bronchuskarzinom hat die höchste Mortalität aller Krebserkrankungen." Bei den Männern entfielen im Jahr 2001 in Österreich 23,7 Prozent aller Krebs-Todesfälle auf Lungenkarzinome. Die Fünf-Jahres-Überlebensrate war wegen der zumeist zu spät erfolgenden Diagnose schlecht.

Doch ein gewisser Teil der Betroffenen könnte auch noch in einem späten Stadium der Erkrankung in Zukunft eine Chance haben: Jene Patienten, welche auf zwei oder drei Zyklen Chemotherapie vor der Operation gut ansprechen. Durch die dadurch bewirkte Verkleinerung des Tumors und die Bekämpfung der bösartigen Zellen auch in den Lymphknoten beträgt die Fünf-Jahres-Überlebensrate der Betroffenen etwa 50 Prozent. Ohne die Chemotherapie vor der Operation sterben die meisten der Patienten in diesem Stadium bereits innerhalb von zwei Jahren.

Publikum

Der Kongress in Wien zieht laut den Organisatoren zumindest 4.500 Besucher aus 33 Staaten an. Vermehrten Zustrom aus dem Nahen und den Fernen Osten gibt es laut dem Wiener Herzchirurgen und Organisator Univ.-Prof. Dr. Werner Mohl auch deshalb, weil die USA derzeit eine "restriktive Visapolitik" anwenden. Das lässt die internationalen Spezialisten offenbar zu Fachkongressen nach Europa ausweichen. (APA)

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