Programmchef Struve: "Auch öffentlich-rechtliche Zuschauer wollen lachen"

23. Oktober 2003, 20:39
1 Posting

ARD laboriert an "Unterhaltungsmisere"

Ein "gelobtes Land" ist Österreich - noch - für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, meint Günter Struve, Programmdirektor der ARD. "Der Markt wird zwar vom deutschsprachigen Ausland her kräftig beharkt, aber es ist doch etwas anderes, wenn die Konkurrenz im Inland sitzt", sagt er im APA-Interview. Das ORF-Fernsehen kommuniziert nach Struves Ansicht ein "sympathisches Grundgefühl", hat aber auch mehr Spielraum bei der Programmierung.

"Der österreichische Markt hat den Riesenvorteil, dass er ganz offensichtlich als zu klein eingeschätzt wird, um einen wirklich großen Mitbewerber, der hart investiert, einzuladen", so Struves Diagnose. Mit seinen beiden TV-Programmen decke der ORF ein breites Spektrum ab. "Da die großen Konzerne entschieden haben, nicht in Österreich tätig zu werden, ist der ORF der Platz- und Statthalter und wird es auch noch lange bleiben."

ORF "selbstbewusster Partner"

Für die ARD ist der ORF "ein geschätzter und willkommener Partner, der aber selbstbewusst auftritt", sagt Struve. Uneinigkeiten bei Koproduktionen "regeln wir ja auch fast immer zu Gunsten des ORF". Zumeist gehe es in solchen Fällen "um das Recht der ersten Ausstrahlung." Generell gelte für den Koproduktionspartner: "Der ORF ist eines der beweglichsten Schnellboote im europäischen Medienmeer."

Glanzstück "Julia"

Glanzstück der Zusammenarbeit war in den vergangenen Jahren die "Julia"-Serie mit Christiane Hörbiger, derzeit arbeitet man an einem Nachfolgeprojekt. Struve trauert "Julia" noch immer nach: "Meine größte Niederlage auf österreichischem Boden ist für mich nach wie vor, dass ich es nicht geschafft habe, Frau Hörbiger, obwohl ein Knie den Boden schon berührt hatte, zu überzeugen, weiterzumachen."

"Kampfthema" Gebührenerhöhung

"Kampfthema" in Deutschland ist derzeit die Gebührenerhöhung für ARD und ZDF. In Österreich wurde sie dem ORF vom Stiftungsrat ohne großes Aufheben bewilligt, in Deutschland redet die Politik ein gewichtiges Wörtchen mit, die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) gibt eine Empfehlung ab. Was Struve grundsätzlich begrüßt: "Eine Objektivierbarkeit, die sich am wirklichen Bedarf orientiert, schadet nicht. In einem dualen System kann sich ja nicht der eine beliebig mit Geld versorgen und der andere nichts bekommen. Duales System heißt Chancengleichheit." Im Gegenzug dürften die kommerziellen Sender "Tag und Nacht werben", bei den deutschen öffentlich-rechtlichen Sender ist Fernsehwerbung nur bis 20 Uhr erlaubt. Die deutschen Privaten laufen derzeit dennoch Sturm gegen den Wunsch nach Gebührenerhöhung.

"Unterhaltungsmisere"

Schon seit längerem laboriert die ARD an einer "Unterhaltungsmisere", wie es die deutsche Presse gerne formuliert. Mit einer Gemeinschaftsredaktion der ARD-Sender will man nun Abhilfe schaffen. "Ich bin zuversichtlich, dass die Misere nun beendet werden kann, was aber ein paar Jahre dauern wird." Mankos ortet Günter Struve vor allem in den Bereich Show und Comedy. Wobei die ARD aber auch "ein strukturelles Problem" habe: "Anders als der ORF können wir nicht an drei oder vier Sendeplätze um 20.15 Uhr Unterhaltung machen. Wir hätten letztlich vielleicht einige Zuschauer mehr, aber einen bleibenden Image-Schaden. Dass aber auch öffentlich-rechtliche Zuschauer lachen wollen, ist ja legitim."

Castingtrend nicht verschlafen

Den Castingtrend habe die ARD indes nicht verschlafen: "Als ihn dann alle machten, haben wir relativ schnell die Entscheidung getroffen, uns diesem Sog zu entziehen und anders zu sein als die anderen. Kurz hatte die ARD mit dem ORF-Format "Starmania" geliebäugelt: "Das fand ich persönlich reizvoller als "Deutschland sucht den Superstar'".

Enthaltsamkeit angesagt

Bei manchen TV-Formaten ist für Struve auch Enthaltsamkeit angesagt: "Wenn es in bestimmte Extreme abgleitet, wenn man sich etwa die öffentliche Partnersuche nach einem Millionär ansieht, gibt es zumindest im deutschen öffentlich-rechtlichen System eine ganz klare Abstinenz. Grundsätzlich aber sind Dinge wie Quiz oder Castingshows oder auch Reality im Öffentlich-Rechtlichen nicht fehl am Platz." Dating-Shows dagegen "haben, wo sie auftreten, alle nur mittleren Erfolg", geht Struve auf Distanz zu "DisMissed" und Co. Dass man - wie im ORF-Gesetz geschehen - das "anspruchsvolle" Programm "gesetzgeberisch festlegen kann, halte ich für ausgeschlossen", so Struve.

"Ein sehr angenehmes Grundgefühl, das dieser ORF rüberbringt"

Die häufig vertretene Einschätzung des ORF als Hüter der österreichischen Identität kann der Norddeutsche Struve übrigens gut nachvollziehen: "Ein relativ kleines Land wie Österreich braucht auf jeden Fall identitätsstiftende Institutionen. Der ORF macht Österreich meines Erachtens zu einem relativ glücklichen Land. Ich muss sagen, es ist schon ein sehr angenehmes Grundgefühl, das dieser ORF rüberbringt." Wobei Struve wohl als voreingenommen gelten muss, denn: "Ich bin ein großer Fan des ORF, ich schaue ihn jeden Tag, wenn es mir möglich ist." (APA)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    "Der österreichische Markt hat den Riesenvorteil, dass er ganz offensichtlich als zu klein eingeschätzt wird, um einen wirklich großen Mitbewerber, der hart investiert, einzuladen", meint Günter Struve.

Share if you care.