Zum Tode des US-Medienanalytikers Neil Postman

17. Oktober 2003, 12:39
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New York – Vor knapp 20 Jahren, im Orwell-Jahr 1984, prophezeite er als Eröffnungsredner der Frankfurter Buchmesse, dass die Vereinigten Staaten das erste Land seien, das sich "zu Tode amüsiere". Neil Postman, Kommunikationswissenschafter und "Medienökologe", malte in seinem 1985 erschienenen Bestseller "Wir amüsieren uns zu Tode", nicht die Überwachungs-, sondern die so genannte Informationsgesellschaft als Übel der westlichen Zivilisation an die Wand. Und zog gegen die "technologische Verdummung" und "reine Konsumgesellschaft" ins Felde.

Allen voran das Fernsehen, welches entleerte Bilder liefere sowie als "Nachrichten" getarnte belanglose Unterhaltung. Welchen Informationswert besitzt etwa ein Hauptnachrichtenbeitrag über einen Hubschrauberabsturz mit zwei Allerwelts- personen in der Nähe von Ohio?

Meinungsforschung, nach deren Ergebnissen sich die Politik richtet, gehört nach Postman ebenfalls zum kritisierten Komplex wie die Jagd der TV-Macher nach Einschaltquoten. Jedes Thema diene rein zur Unterhaltung, der "Zwang zur Bebilderung" herrsche vor. Lange vor Big Brother und Taxi Orange sprach der aus ärmlichen Verhältnissen stammende Fachmann vom "Peepshow- charakter" des TV. Und wurde aber auch selbst einverleibt als Teil des zum Showbusiness gehörenden Kritikerkreises.

Zwischen "Kassandra des Medienzeitalters" (Die Zeit) und "moralinsaurer Pessimist" schwankte die Bewertung des hartnäckig vor "technologischer Verdummung" ("Das Technopol", 1992) warnenden, populärwissenschaftlichen Experten, der es geschickt verstand, Plattitüden wie Trends in klare Worte zu fassen. Seiner Ausbildung als Lehrer entstammt auch die kluge Erkenntnis, nicht euphorisch neue Computerausrüstung für Schulen einzufordern, sondern bestens ausgebildete Lehrer. In "The End of Education" (dt. "Keine Götter mehr", 1995) richtet er seinen Blick folgerichtig mehr auf die Inhalte des Lernens denn auf seine Technik.

Postman, der zeitlebens mit Füllfeder schrieb, wetterte gegen die global vernetzte Cyberwelt, die u.a. durch Simulationen das wahre Leben ersetzen wolle. Wenn man PCs besitze, dann bitte zum Programmieren.

Postman führte auf brachial simplifizierende Weise Theorien von Marshall McLuhan oder Guy Debords "Gesellschaft des Spektakels" weiter. Wie sehr sich die (definitiv nicht nur) von ihm in groben Zügen vorhergesagte Lage zuspitzt, konnte Postman miterleben. Und versuchte in seinem letzten Buch Die zweite Aufklärung eine – heftig kritisierte – Rückbesinnung auf Gedanken des 18. Jahrhunderts. Die mit dem Bebilderungszwang ebenfalls einhergehende Monopolisierung innerhalb der Medienlandschaft und der Uniformierung der Bilder hat Postman in seiner Kritik kaum thematisiert.

Neil Postman erlag laut New York Times vorigen Sonntag 72-jährig einem Krebsleiden. Bei all seiner Populärwissenschaftlichkeit, die vielen Gymnasiasten als Pflichtlektüre aufgezwungen wurde, verliert die moderne Medienkritik mit dem Tode Neil Postmans eine markante, oft gehörte Stimme. (DER STANDARD, Printausgabe, 10.10.2003)

Von Doris Krumpl
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    Neil Postman bei einem Pressegespräch im Jahre 1997

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