Pressestimmen: Arnie, das tumbe Muskeltier?

12. Oktober 2003, 15:00
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Kleine Klischeekorrektur von links in der "taz"

Aus einem Kommentar von Christian Semler in der Berliner "Tageszeitung" (taz): Schwarzenegger eignet sich vorzüglich für den Versuch, endlich wieder mit beiden Händen in die Stereotypkiste greifen zu dürfen. Schon für die Beurteilung Ronald Reagans reichte es aus, dass er in Hollywood Karriere gemacht hatte, noch dazu nur in B-Filmen. Gemessen daran war seine schändliche Rolle als Denunziant in der McCarthy-Ära geradezu eine lässliche Sünde. Schauspieler sind eben doof, und Bodybuilder beherrschen lediglich ihre eigene Anatomie. Dass Schwarzenegger sein Ökonomiestudium in den USA erfolgreich abgeschlossen, dass er sich als cleverer Geschäftsmann erwiesen hat, dass er in wirtschaftspolitischen Fragen ein neoliberaler Friedman-Boy, in sozialen und gesellschaftlichen aber eher progressiv tickt - was soll's.

Doch hinter diesem Hochmut steckt ein fatales Vertrauen in Kompetenz und Sachverstand, insbesondere was die Ökonomie anlangt. Allzu willig überlassen wir uns den "Profis" - dabei müssten deren höchst mangelhafte Arbeitsergebnisse dazu angetan sein, alle Hoffnung auf Expertentum fahren zu lassen. Schwarzenegger, so belehren uns die Reportagen der letzten Wochen, wurde vom Wahlvolk als "einer von uns" gefeiert, als Immigrant, der es geschafft hat, als geradliniger Kerl, der es wem auch immer "da oben" schon zeigen wird. Dieses Charakterbild ist etwas komplexer als das vom hirnlosen Muskelmann. Es lädt zur Identifikation ein. Natürlich handelt es sich auch dabei wieder um ein Kunstprodukt, das dem rau gewordenen Klima Kaliforniens nicht allzu sehr ausgesetzt werden darf. Aber wer sagt uns, dass irgendein Fleisch gewordener Sachverstand angesichts des kalifornischen 38-Milliarden-Defizits den Realitätstest besser bestehen würde ..?

"The New York Times"

"Nun möchte jeder sehen, was als nächstes passiert. Kalifornien ist bekanntermaßen schwer zu regieren, und Schwarzenegger wird nicht über mehr Möglichkeiten verfügen als (der abgewählte Gouverneur) Gray Davis, wenn es darum geht, das Budgetdefizit des Bundesstaates auszugleichen. Vielleicht verstehen die Wähler das und wollen einfach durch ihre gegenwärtige ökonomische Krise mit einem Chef an der Spitze gehen, der unterhaltsamer ist als der mürrische Davis. Während des Wahlkampfes hatte Schwarzenegger den großen Vorteil, dass jeder nur geringe Erwartungen an ihn hatte. In der Politik ist es besser, glücklich zu sein als gut zu sein. Aber Schwarzenegger weiß das ja bereits aus seinen Filmtagen."

"Financial Times" (Großbritannien):

"Der Sieg von Arnold Schwarzenegger unterstreicht die Bedeutung des Prominentenstatus in den USA. Anders als Ex-Hollywoodstar Ronald Reagan ist Schwarzenegger eine politische Unbekannte. Man kann ihm keine Richtungen zuordnen. Sein unkonventionelles Verhalten hat zweifellos zu dem Sieg beigetragen. Einige Demokraten sehen in dem Erfolg von Schwarzenegger einen Rückschlag für US-Präsident George W. Bush. Republikaner dagegen glauben, der Sieg Schwarzeneggers habe den Weg für einen Erfolg von Bush in Kalifornien bei den Präsidentschaftswahlen geebnet. In der Praxis sind beide Theorien wahrscheinlich nicht zu halten. Am Ende könnte es so sein, dass sich hier ein Trend in westlichen Demokratien fortsetzt, der sich schon in Frankreich und den Niederlanden gezeigt hat."

"Le Monde" (Frankreich):

"Was sich am 7. Oktober ereignet hat, ist beunruhigend. Nicht deshalb, weil in Sacramento, der Hauptstadt des US-Bundesstaates Kalifornien, ein Filmschauspieler ohne jegliche politische Erfahrung an die Macht gekommen ist, der sich bislang vor allem um das 'body-building' und nicht um das 'nation-building' gekümmert hat. Nein, alarmieren muss uns vielmehr das Verfahren, das 'Arnie' den Sieg eingebracht hat. In Kalifornien kann man dank Millionen Dollar einen Gouverneur kaum elf Monate nach seiner Wahl auf demokratischen Weg wieder ablösen. In diesem demokratischen Laboratorium der USA hat die direkte Demokratie die repräsentative überrundet. Der Sieg des Populisten Schwarzenegger illustriert zudem das Misstrauen des Wählervolkes über das politische Establishment."

"La Repubblica" (Italien):

"In 13 Monaten, bis zu den Präsidentenwahlen im November 2004, werden wir sehen, ob "Ahnuld", wie sie seinen Namen aussprechen, in der Lage sein wird, im Regierungschaos Kaliforniens, einem Land mit einer Wirtschaft so groß wie Frankreich, Ordnung zu schaffen und ob die menschliche Karikatur Schwarzenegger ein asset, ein Vorteil, oder eine liability, eine Belastung, für die Wahlaussichten von Präsident George Bush sein wird. Aber sein bärenstarker Sieg in einem mehrheitlich demokratisch orientierten Bundesstaat und gegen einen demokratischen Gegner, bedeutet eine sehr klare Bestätigung, wie sehr die Partei Clintons, die in diesem November den 40. Jahrestag der Ermordung Kennedys gedenkt, am Abdriften ist."

"ABC" (Spanien):

"Mit der Wahl Schwarzeneggers entschieden sich die Bürger von Kalifornien für einen Mann, der bisher mehr durch seine Muskelkraft als durch sein Talent aufgefallen war. Der Wahlsieg des Filmstars, der keinerlei politische Erfahrung vorweisen kann, zeigt, wie groß die Frustration der Wähler ist. Schwarzenegger steht nun vor einer gewaltigen Aufgabe, wie er sie sonst als Held in seinen Filmen bewältigen muss. Allein der Blick auf das Haushaltsloch könnte das stählerne Herz der von Schwarzenegger verkörperten Maschinen zum Erzittern bringen. Im Film verhelfen die Drehbuchautoren den Helden mit Tricks und Spezialeffekten zum Erfolg. In der Realpolitik gibt so etwas nicht."

"Guardian" (Großbritannien):

"In der Politik wie im Leben ist es viel einfacher zu zerstören als aufzubauen. Zerstörung ist ein Hauptthema in den Fantasyfilmen von Schwarzenegger. In der angeblich realen Welt von Kalifornien hat der Filmstar nun die Gouverneurschaft von Gray Davis zerstört. In Schwarzeneggers Filmen wissen die Darsteller immer genau, wer ihre Feinde sind. Aber der Zweck, für den sie kämpfen - abgesehen von der vagen Vorstellung einer besseren Welt - ist nicht genau definiert. Die kalifornische Wahl war ein großes Spektakel, ein römischer Zirkus, bei dem die alte Ordnung unterliegt und ein neuer Held hervortritt. Pragmatisch stellt sich die Frage, ob Schwarzenegger es schafft, die Probleme des Staates zu lösen oder ob er nur das nächste Opfer einer öffentlichen Laune wird."

"Liberation" (Frankreich):

"Sein Triumph kann beunruhigen, aber nicht weil Schwarzenegger aus Hollywood kommt oder gar wegen seiner Ideen und Unerfahrenheit, auch nicht wegen seiner Unterstützung von (US-Präsident George W.) Bush bei der Präsidentenwahl 2004. Eine echte Gefahr stellt das Modell einer Radikaldemokratie dar, das in Kalifornien praktiziert wird. In diesem "Golden State" ist dadurch eine Form der permanenten Revolution entstanden, bei der sich Interessengruppen um die wechselhafte Gunst der Wähler streiten. Dieses System, Ursprung für eine totale Blockade des politischen Systems, hat einen "Demokrator" hervorgebracht, der Populist und Demagoge zugleich ist, die Antithese der Demokratie."

"Il Messaggero" (Italien):

"Er ist kein großer Schauspieler, wie es Ronald Reagan auch nicht war. Aber wie Reagan hat Schwarzenegger in seiner langen und glücklichen Schauspielkarriere gelernt zu kommunizieren. Er hat gelernt, dass es nicht darauf ankommt, ob man einfache und banale Dinge sagt, wenn man sie nur mit Optimismus sagt, mit einem Sinn für Humor und guten Manieren, und dass das Schweigen der Intelligenz durch Trommelwirbel der Musik und Fahnen des Patriotismus ausgefüllt wird. Dieses Rezept hat Ronald Reagan 1980 die Tür zum Weißen Haus geöffnet, und der "große Kommunikator" ist noch heute einer der populärsten Präsidenten in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Dasselbe Rezept hat zur Krönung Schwarzeneggers zum Gouverneur von Kalifornien geführt."

"Volkskrant" (Niederlande):

"Politik kann weh tun, auch bei Politikern, wie Davis erfährt. Aber das gehört zum Spiel ebenso wie die Tatsache, dass der Wähler einem Schauspieler ohne jegliche politische Erfahrung den Vorzug gegeben hat. In Europa runzelt man darüber leicht die Stirn: Entartet die Politik damit nicht zum Amüsement? Schwarzenegger ist aber nicht der Erste. Clint Eastwood und Ronald Reagan haben es ihm vorgemacht. Auch wenn man kein politischer Freund von Reagan ist, muss man doch zugeben, dass er ein effektiver Präsident war, der mit an der Basis zum Ende des Kalten Krieges gewirkt hat. (...) Es besteht gar kein Grund zur Panik über die Wahl von Schwarzenegger, einem gemäßigten Republikaner (...) Wenn er Mist macht, verschwindet er wieder. So geht es in einer Demokratie."

"Politiken" (Dänemark):

"Weniger als ein Jahr nach der letzten Wahl hat die Bevölkerung von Kalifornien nach einer von einem Superreichen finanzierten Unterschriftensammlung den bisherigen Gouverneur verjagt und stattdessen einen Filmstar ohne jede politische Erfahrung gewählt. Ehe man Parallelen zu Ronald Reagan zieht, sollte man bemerken, dass der frühere Präsident viele Jahre Erfahrung als Gewerkschaftsfunktionär hinter sich hatte, ehe er Gouverneur in Kalifornien wurde. Diesmal haben die Wähler fast blind einen Mann gewählt, dessen einziges Aktivum darin bestand, dass er bekannt ist. Selbst im Heimatland der Selbstbespiegelung ist das ungeheuer riskant. (...) Aber auch wenn seine fehlende politische Erfahrung ein schlechtes Omen ist, hat Schwarzenegger mehr Talente als seine Filme andeuten. Er hat einen akademischen Grad, und nach seinen seltenen politischen Äußerungen vor diesem Wahlkampf zu urteilen, ist er ein Republikaner der Mitte mit vielen liberalen Grundwerten." (APA/dpa)

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