Gehrer sucht "sinnstiftende Werte"

10. Oktober 2003, 12:32
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... und findet sie in der Religion - ÖVP startet Veranstaltungsreihe für "buntere Wertedebatte" - Ministerin gegen "Ich-Denken"

Wien - Mit ihren provokanten Äußerungen zum Single-Leben und der Partygesellschaft hatte Bildungsministerin Elisabeth Gehrer Ende August für heftigen Unmut - auch in der eigenen Partei - gesorgt. Die losgetretene Wertediskussion will die ÖVP aber nicht nur auf diesen Aspekt reduzieren. Am Mittwochabend startete sie daher eine Veranstaltungsreihe, um die Wertedebatte "bunter und offener" zu gestalten, wie Generalsekretär Reinhold Lopatka betonte. Daher auch der Titel: "Unkonvent".

Die Politische Akademie der ÖVP lud Gehrer, den Philosophen Konrad Paul Liessmann sowie den Gewinner des Grand Prix der Volksmusik, Marc Pircher, Loveparade-Erfinder Dr. Motte und die Unternehmerin Janet Kath zu einer Podiumsdiskussion. Dabei ging es aber in erster Linie um persönliche Werte, die Frage der gesellschaftlichen Werte blieb weitgehend ausgeklammert.

"Sinnstiftend"

Gehrer betonte, sie habe die Debatte gar nicht lostreten wollen, sondern nur gefragt: "Was macht das Leben lebenswert" bzw. "Was hält eine Gesellschaft zusammen". Endgültige Antworten habe sie zwar auch nicht, "die Ich-Gesellschaft oder das Ich-Denken" könnten aber nicht die Lösung sein. Gefunden werden müssten "sinnstiftende Werte. Ihrer Überzeugung nach habe etwa die Religion eine "sinnstiftende Aufgabe". Ein "in sich ruhender Mensch muss sich irgendwo daheim fühlen", sagte Gehrer. Die Religion trage dazu bei. Zu fragen sei auch, ob nicht Werte wie soziales Engagement oder Solidarität stärker ausgeprägt sein müssten.

Liessmann gab zu bedenken, dass kaum etwas so relativ sei wie der Wertebegriff. Jeder verstehe etwas anderes darunter. Auch das Kinderkriegen habe etwa in den 60-er Jahren, als noch vor einer Bevölkerungsexplosion gewarnt wurde, einen ganz anderen Wert gehabt. Absolute Werte gebe es einfach nicht. "Sobald man anfängt, sie zu definieren, fängt man an zu streiten." Sein Rat daher an die Politik: Mit dem Wertbegriff vorsichtig umgehen und nichts "von Oben verordnen". So könnten etwa viele mit dem Wert Religion ein Problem haben, weil sie sich vielleicht einer anderen oder gar keiner Religion zugehörig fühlten.

Die unternehmerische Seite der Diskussion betrachtete Kath. Sie versuche gemeinsam mit ihren rund 150 Mitarbeitern (Interio) zu definieren, "was uns wichtig ist" und was die Firmenwerte seien. Sie zeigte sich überzeugt, dass auch der Staat ähnlich wie ein Unternehmen geführt werden könnte.

Dr. Motte definierte die Werte hinter der Loveparade folgendermaßen: "Eine Plattform, auf der sich jeder frei bewegen kann." Es gebe lediglich zwei Gesetze: den Respekt dem anderen gegenüber und Toleranz. In der Gesellschaft sei jeder für sich dafür verantwortlich, seine Werte einzubringen. Auch Pircher betonte, man könne gesellschaftliche Werte nicht wie die zehn Gebote generell festlegen. Das müsse jeder für sich tun. (APA)

  • Bildungsministerin Gehrer auf der Suche nach "sinnstiftenden Werten". Die Religion trage dazu bei, dass man sich "zu Hause fühlt", das "Ich-Denken" nicht.
    foto: standard/cremer

    Bildungsministerin Gehrer auf der Suche nach "sinnstiftenden Werten". Die Religion trage dazu bei, dass man sich "zu Hause fühlt", das "Ich-Denken" nicht.

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