Nicole soll den Tod geahnt haben

9. Oktober 2003, 18:33
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Seit 13 Jahren ist der Tod der achtjährigen Nicole Strau ungeklärt - das Gutachten ist durch neue Techniken veraltert

Wien - Der Auftritt der Zeugen am zweiten Tag des Mädchenmordprozesses tut weh. Seit 13 Jahren müssen sie mit dem öffentlichen Tod der achtjährigen Nicole Strau leben. Die Mutter: Sie geht im Geiste noch immer Nicoles Heimweg ab und sucht. Von der Tante in Simmering ist das Kind zwei Tage vor Weihnachten 1990 nicht mehr zurückgekehrt. Der Stiefvater: "Wir sind überall stehen geblieben und haben g'schaut, ob sie im Graben liegt." Er lässt die Schultern hängen. Mehr war nicht zu machen. Die Mitschülerin, 21 Jahre alt, Studentin, erwachsen: "Sie hat so komische Sachen g'sagt. Sie hat geglaubt, es passiert ihr dasselbe wie der Christina Beranek." (Die Zehnjährige war knapp ein Jahr davor in der Nähe vergewaltigt und ermordet worden.)

Gutachten zurückgenommen

Von Gefühlen dieser Art ist der Gerichtsmediziner Christian Reiter verschont. Er hadert mit der Technik des Mordes. Sein altes Gutachten, wonach die vergewaltigte Schülerin "nicht vor Mitternacht" mit dem Ast erschlagen worden sein kann, nimmt er heute zurück. "Die Gerichtsmedizin hat sich in 13 Jahren entwickelt", entschuldigt er sich. Nicoles Tod könnte, wie der prominente deutsche Kollege in seinem Gutachten festhält, auch schon fünf Minuten nach dem sexuellen Übergriff auf das Kind eingetreten sein.

Dazu wird den Geschworenen der Ast mit dem eingetrockneten Blut Nicoles gereicht. Die Wahrheitsfindung hat Vorrang gegenüber der Würde. Der Angeklagte Michael P., den die DNA-Analyse als Vergewaltiger des Kindes überführt hat, sitzt wie ein Unbeteiligter da. Der Prozess geht heute wahrscheinlich zu Ende. (Daniel Glattauer, DER STANDARD Printausgabe 9.10.2003)

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