Kontrollierte Tonströme

13. Oktober 2003, 20:27
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Yan Pascal Tortelier und das RSO Wien

Wien - Das berühmteste Salzfässchen der Welt ist noch immer verschwunden, dafür gab es im Musikverein einen echten Cellini zu bewundern. Allerdings auf akustischem Wege: Hector Berlioz' Ouvertüre zu seiner Oper Benvenuto Cellini. Yan Pascal Tortelier dirigierte, und der Franzose mag es kartesianisch klar und kontrolliert, und so klang das von Franz Liszt so hochgelobte Werk dann auch.

Die große, hagere Erscheinung, das lockige Haar: Tortelier erinnert optisch an ein distinguiert-freundliches Vorstandsmitglied einer französischen Privatbank, sein gestisches Repertoire entbehrt nicht einer gewissen Hektik. Auch bei Leonard Bernsteins Serenade nach Platons "Symposion" war der ehemalige Chef des BBC Philharmonic Orchestra mehr Musikorganisator als Stimmungsmacher. Da passte der Geiger Pierre Amoyal gut ins Bild, auch er kam über routinierte Akkuratesse nicht hinaus.

"Eine Folge von Darstellungen der Liebe" sollte laut Bernstein zu vernehmen sein, fallweise erinnerte das 1954 uraufgeführte Werk mehr an die neun Jahre zuvor am Ende des Zweiten Weltkriegs uraufgeführte Symphonie Nr. 5 Sergej Prokofjews. Als der Komponist selbst die Uraufführung geleitet hatte, waren in Moskau noch die letzten Artilleriegefechte im Gange gewesen; von einer Weltkriegsstimmung ist in dem Meisterwerk aber nur wenig zu spüren.

Im Gegenteil: Im Finale des ersten Satzes zieht Prokofjew eine gigantische Show ab, der zweite Satz gleicht einer irrwitzigen Harlekinade. Tortelier ging endlich aus sich heraus, rührte die Tonströme mit saftiger Geste um und tänzelte sogar dann und wann ein wenig. Das RSO Wien bot eine hochkonzentrierte, kraft- und fantasievolle Leistung. (end/ DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2003)

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