Trialoge - ohne verschenkte Noten

13. Oktober 2003, 20:27
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Saxofon-Shootingstar Chris Potter gastierte im Wiener Konzerthaus

Wien - Was ist also dran an diesem Mann, der als bislang Jüngster den dänischen Jazzpar-Preis, die höchstdotierte Auszeichnung für Improvisation, einstreifte, und dem der Ruf vorauseilt, aus der Riege ähnlich hochtalentierter Instrumentalisten herauszuragen? Das Chris-Potter-Trio bestätigte die Frontstellung des 32-Jährigen - obwohl dieser (frei von innovativer Attitüde) nichts anderes als seine zahlreichen Kollegen tut: den Boden der Jazztradition zu beackern und ihm individuelle Facetten abzuringen.

Man könne ihn beim Spielen denken hören, hat man über den zwei Jahre älteren Joshua Redman gesagt, und Gleiches gilt für Chris Potter, mit dem ihn auch ein Faible für souljazzige Funkyness verbindet: Logik prägt seine Improvisationen, die als ideenreicher Erzählfluss auf den Hörer einströmen. Getragen werden sie von einer geringen Affinität zu "abgelutschten" Phrasen, einem wuchtigen Sound, in dem Coltranes Ekstatik widerhallt, und von jener Virtuosität, die zurzeit im Jazz ihresgleichen suchen dürfte.

Potter verzichtet nicht darauf, in den locker aus dem Ärmel geschüttelten Spaltklängen, Läufen und Akkordbrechungen seine Technik zu demonstrieren, um sie dennoch in den Dienst der Arbeit am Motivmaterial zu stellen. Ein Standard wie Stella by Starlight mutiert so zur grandiosen Paraphrase von epischen Ausmaßen, in dem die stereotype Thema-Improvisation-Thema-Form gleichsam von innen aufgebrochen wird.

Drummer Bill Stewart erweist sich dabei als wunderbarer polyrhythmischer Querulant, und auch Bassist Scott Colley brilliert als fingerfertiger Geschichtenerzähler, der seinem Leader überall hin folgt: Fette Walking-Bass-Lines wechseln mit funkigen, dem E-Bass abgeschauten Patterns, während Bordun-Klänge in Potters What You Wish die osteuropäisch inspirierte Elegie unterstreichen. Es ist Triomusik im Zeichen der Intensität, des Kampfes gegen die Routine, in dem keine Note verschenkt wird. Auch wenn Potter nach aller Kraftmeierei im finalen Blame It On My Youth noch die Ruhe fehlt, Melodien relaxt auszusingen, fällt die Conclusio nicht schwer: Er könnte ein Protagonist des Jazz von morgen sein.
(DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2003)

Von Andreas Felber
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