Putins Parallelwelt

20. Oktober 2003, 20:17
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In Russland herrscht derzeit eine "gelenkte Demokratie" besonderen Typs - von Paul Lendvai

Die großen Zeitungen des deutschen Sprachraumes bringen wie üblich dicke Beilagen zur Frankfurter Buchmesse, wo diesmal Russland als Gastland im Mittelpunkt steht. Dass die angesehene Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja ohne Umschweife zugibt, dass "derzeit vielleicht in keinem zivilisierten Land der Welt so viel schlechte Literatur mit einem so scheußlichen ideellen Niveau gedruckt wird wie in Russland", hindert weder die Redaktionen noch die Verkaufsstrategen der Verlage daran, auch zweit-oder drittklassigen Autoren in Schrift und Wort Auftrittsmöglichkeiten zu bieten. Nur wenige mutige Kritiker wie etwa Karl Markus Gauß wagen es, ungeschminkt ihre Meinung über manche fragwürdige Produkte von frisch gebackenen "Stars" der russischen Szene mitzuteilen.

Das heutige Russland ist durch unglaubliche Widersprüche geprägt. Wie so oft in der Sowjetzeit werden von den westlichen Regierungschefs aus "übergeordneten Interessen", sprich wegen des Geschäfts, bedenkliche Entwicklungen in Russland ignoriert und dem starken Mann an der Spitze, Präsident Wladimir Putin, der Hof gemacht.

Während die Büros der fünftgrößten Ölgesellschaft der Welt in Moskau und im ganzen Land von bewaffneten Agenten des Geheimdienstes durchsucht werden (und ein Topmanager seit Monaten in Haft sitzt), bemühen sich gleichzeitig hochrangige amerikanische Industrielle um eine Beteiligung an dieser Firma.

Zum Auftakt der USA-Reise von Präsident Putin hatten russische Oppositionelle in ganzseitigen Anzeigen in amerikanischen und europäischen Zeitungen dem Kreml-Chef vorgeworfen, für den Völkermord in Tschetschenien persönlich verantwortlich zu sein und Parlamentarismus, Medienfreiheit sowie eine unabhängige Justiz abzuwürgen. Dass die Finanzierung der eine Million Dollar teuren Kampagne von dem umstrittenen und in britischem Asyl lebenden Geschäftsmann Boris Berezowsky ausging, mag für viele vielleicht befremdend wirken. Doch ist die Tatsache, dass dieser beispiellose Aufruf an Präsident Bush auch von Elena Bonner, der Witwe von Andrej Sacharow, und dem ehemaligen politischen Gefangenen und Schriftsteller Wladimir Bukowsky unterzeichnet wurde, ein schlagender Beweis dafür, dass die Entwicklung unter Putin auch angesehenen Persönlichkeiten so viel Sorge bereitet, dass sie selbst einen Berezowsky benützen, um das Gewissen der Welt wachzurütteln.

All das beeinflusste aber weder Vater Bush, der mit seiner Frau die Familie Putin in deren Residenz am Schwarzen Meer besuchte, noch den Präsidenten selbst, der Putin als Freund begrüßte. Die geschickte und auch in weltpolitischen Krisensituationen relativ gemäßigte Außenpolitik Putins und die Marktchancen in der vom hohen Ölpreis profitierenden russischen Wirtschaft wiegen in den westlichen Kanzleien mehr als die Besetzung von über 50 Prozent der wichtigsten Regierungsposten in Moskau und in der Provinz durch ehemalige Geheimdienstler. Die elektronischen Medien sind fast total gleichgeschaltet, wobei Präsident Putin beinahe so allgegenwärtig ist wie seinerzeit Chruschtschow oder Breschnjew.

In Russland herrscht derzeit eine "gelenkte Demokratie" besonderen Typs, die Inseln von unabhängiger Berichterstattung und Kritik durch mutige oppositionelle Politiker und Wissenschafter (noch) zulässt. Die westlichen Staatsmänner und auch die Mehrheit der russischen Bevölkerung lieben den "guten Zaren" im Kreml, wenn auch viele dem Schriftsteller Juri Mamlejew insgeheim zustimmen würden, der in seinem neuen Buch Russland als eine "große Parallelwelt" sieht, "die nicht zu unserem Planeten gehört". (DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2003)

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