Hufeisen und Turm für Wien-Mitte

23. Oktober 2003, 09:29
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Nach monatelangen Streitereien neues Konzept präsentiert - Turm bleibt unter 65 Meter - Debatten um bedrohtes Welterbe sollen damit passé sein

Wien - Die Debatte um die Bahnhofsüberbauung in Wien-Mitte findet nun ein Ende. Oder sie beginnt von neuem, wenn abermals gegen das Projekt mobil gemacht wird. Nach den monatelangen Streitereien präsentierte Mittwochnachmittag die Jury das Siegerprojekt eines städtebaulichen Wettbewerbs, mit dessen Realisierung die Baulücke am Bahnhof endlich geschlossen werden soll.

Architekten Dieter Henke und Marta Schreieck

Die Architekten Dieter Henke und Marta Schreieck werden sich darum kümmern. Sie haben in ihrem Konzept einen wichtigen Punkt der Wien-Mitte-Debatte außer Streit gestellt. Ein hufeisenförmiger Bau, der nach außen kompakt, aber luft- und lichtdurchlässig gestaltet ist, wird an der offenen Seite zwar von einem Turm begrenzt - aber erstens wird dieser nicht höher als die magische Grenze der immer wieder geforderten Maximalhöhe von 65 Metern nicht überschreiten, zweitens bildet dieser Turm den Übergang zu dem in unmittelbarer Nachbarschaft stehenden City-Tower. Im Inneren des Hufeisenbaus liegen zwei weitere flache Gebäude unterschiedlicher Bauhöhe, die einen sanften Übergang zu den benachbarten Türmen schaffen.

Siegerprojekt

Die Jury hat einstimmig dieses Projekt zum Sieger gewählt. Sechs Projekte wurden von ihr in dem geladenen Bewerb anonym beurteilt. Seitens der Stadtplanung gibt man sich froh über dieses neue Raumkonzept. Die Stadtplanung und der Investor (die Bauträger Austria Immobilien, ein Unternehmen der Bank-Austria-HVB-Gruppe), geben sich optimistisch, dass die Widmungs- und Bauarbeiten bald angegangen werden können, damit der als "Ratzenstadel" bezeichnete Bahnhof Wien-Mitte einmal ein schöner Ort für Pendler und Reisende wird. In den letzten Jahren wurde dort weder in die Bausubstanz noch in ein attraktives Geschäftsumfeld investiert.

Ob damit die Debatten um den seit Jahren umstrittenen Bau mit ursprünglich bis zu vier 97 Meter hohen Türmen nun beendet sind, bleibt abzuwarten. Parteigänger, Denkmal- und Welterbeschützer werden die Pläne erst einmal studieren müssen, ehe sie zu neuer Kritik ansetzen.

Geschichte hat vor fünfzehn Jahren begonnen

Die Geschichte von Wien-Mitte hat schon vor gut fünfzehn Jahren begonnen. Das Projekt der Architektengruppe Neumann & Steiner, Lintl & Lintl, Ortner & Ortner ist einige Male überarbeitet worden, immer waren die Dimensionen des Baus im Gespräch. In einem Zehn-Punkte-Programm hat man schon 1992 eine "strikte Begrenzung der Höhenentwicklung" auf 65 Meter (Bezugspunkt war immer das in der Nähe gelegene Hotel Hilton) festgehalten.

Letztlich ist das Projekt eben an der Höhe gescheitert. Der als Bahnhofsüberbauung konzipierte Shopping-Büro-Hotel-Komplex sollte rentabel werden, indem in den hohen Türmen viel potenzielle Nutzungsfläche geschaffen wurde. Das brachte Denkmalschützer, Welterbebeauftragte und Parteien auf den Plan. Die Stimmung kippte endgültig, als der Investor und die Stadt Wien versuchten, das Projekt einfach durchzuziehen. Die Unesco und ihr Welterbebeirat Icomos drohten Wien den Welterbestatus zu entziehen.

Hohe Pachtwünsche

Dazu kam, dass der Turmbau auf Basis der Daten rosigerer Wirtschaftszeiten konzipiert worden war. Zum Schluss war klar, dass das Projekt - auch wegen hoher Pachtwünsche der ÖBB für ihr Grundstück - nicht rentabel sein würde. Nur einer der vier Türme wurde realisiert: jener etwas abseits stehende City-Tower, in den Handelsgericht und Bezirksgericht Innere Stadt übersiedelten. Dieser wurde im Schatten der Wien-Mitte-Debatte nahezu unbeachtet hochgezogen - heute regt sich niemand mehr über den allein stehenden Turm in der Stadtsilhouette auf. (Andrea Waldbrunner, DER STANDARDC Printausgabe 9.10.2003)

Eine Jury präsentierte das neue Konzept für den Bahnhof Wien-Mitte: Ein Hufeisenbau als Büro- und Hotelkomplex, ein niedriger Turm begrenzt das Areal. Debatten um hohe Türme und bedrohtes Welterbe sollen damit passé sein.
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Siegerprojekt des Wien-Mitte Architektur-Wettbewerbes

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