Mausi oder Die verlorene Generation

9. Oktober 2003, 13:43
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Kaffeehaus in der Wiener Innenstadt. An einem der Tische eine Frau, zweiundvierzig, ihr Vater, vierundsiebzig, und ihre Tochter, drei. Leere Kaffeetassen, ein leeres Pago-Glas. Die Tochter spielt mit einem Stoffhasen

DER VATER: Das ist aber ein schönes Hasi. Wie heißt's denn?

DIE TOCHTER (schweigt)

DIE FRAU: Na, sag halt dem Opa, wie er heißt.

DIE TOCHTER: Mausi.

DER VATER: Aber das ist doch ein Hasi.

DIE FRAU: Deswegen kann er trotzdem Mausi heißen, oder?

DER VATER: Darf ich ihn auch einmal halten, den Mausi?

(Die Tochter reicht, nach kurzem Zögern, ihrem Großvater den Stoffhasen.)

DER VATER: Das is' aber ein lieber Mausi.

(Er spielt einige Zeit mit dem Stoffhasen, bewegt die Gliedmaßen etc. Plötzlich, ansatzlos, verdreht er ihm den Kopf um 180 Grad.)

DER VATER: Und jetz' kragl i eam o.

(Er tut so, als ob er sich den Stoffhasen, Kopf voran, in den Mund stecken wollte.)

DER VATER: Und jetz' friss i eam zsamm.

(Verdreht ihm den Kopf.)

DER VATER: Und jetz' kragl i eam no amoe o.

(Führt ihn zum Mund.)

DER VATER: Und jetz friss i eam no amoe zsamm.

(Die Tochter, die bis jetzt interessiert zugesehen hat, beginnt zu kichern.)

DER VATER: Und kragl eam o. Und friss eam zsamm.

(Die Tochter lacht vergnügt.)

DIE FRAU (angewidert): Hör auf!

DER VATER: Warum? Der Sarah g'fallt's. Und kragl eam o. Und friss eam zsamm.

(Die Tochter krümmt sich vor Lachen.)

DIE FRAU: Das ist ja ekelhaft!

(Sie nimmt ihrem Vater den Stoffhasen weg und reicht ihn der Tochter.)

DIE FRAU: Gehen wir.

(Die Tochter reicht ihrem Großvater den Stoffhasen.)

DIE TOCHTER: Okragln!

(Vorhang) (DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2003)

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