Niederlande sauer über KLM-Übernahme

10. Oktober 2003, 13:56
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In den Niederlanden ist die Air France-KLM-Fusion nicht einfach Ökonomie, sondern ein heftiger Zusammenprall französischer und niederländischer Zivilisation

Eigentlich hätte der Kampf der Zivilisationen zwischen Islam und christlichem Abendland stattfinden sollen. Doch dann kam etwas dazwischen, was der Weltgeschichte eine Wende gab: Air France übernahm die niederländische Fluggesellschaft KLM. Seither findet der Kampf der Zivilisationen zwischen den unterkühlten, kaufmännisch-calvinistischen Niederlanden und dem carthesianischen, katholisch geprägten Frankreich statt.

Haareraufen

Experten, Kommentatoren und Redakteure raufen sich die Haare über das Unglück, das droht, wenn französische Lebensart und niederländische Bescheidenheit aufeinander prallen. Und Leo van Wijk, der KLM-Vorstandschef gießt noch Öl ins Feuer, wenn er behauptet, kulturelle Unterschiede hätten bei den Fusionsverhandlungen nichts zu suchen.

Chris Smit ist da ganz anderer Ansicht. Er verließ nach dem Scheitern der Fusionsverhandlungen mit Alitalia 2000 KLM und stieg bei einer Consultingfirma ein, die Firmen in Sachen Kultur und Management berät. "Ein Patron wird von den Franzosen auch als solcher angesehen. Niederländer halten einen Boss schon für notwendig, aber sie sehen ihn mehr als Kollegen." Tatsächlich ist der Führungsstil in den Niederlanden kollegialer, fast alles wird in Sitzungen ausgehandelt, die so lange dauern, bis sich Konsens eingestellt hat.

Kleine Sonnenkönige

Ganz anders im zentralistischen Frankreich, wo der "Président Directeur Général" eine vom wirklichen Leben abgeschirmte Gottesgestalt ist. Jeder Chef ein kleiner Sonnenkönig, glaubt man Bart Le Blanc. Der muss es wissen, er hat selbst schon mehrere Übernahmeverhandlungen mit Franzosen erlebt und privatisiert nun die Arbeitsämter der Niederlande. Düster klingen seine Warnungen an die Adresse der KLM-Manager: Die französische Sprache kenne keine Entsprechung für Joint Venture, Fusionen dienten vor allem dazu, den französischen Partner zu stärken und den eigenen Willen durchzusetzen.

Von wegen Poldermodell und Konsensdemokratie. Ab sofort wirds für die Holländer bei KLM Befehle hageln wie beim Militär. "Niederländer sind geneigt, ihre Ideen an die Wirklichkeit anzupassen. Franzosen tun das nicht." Kaum einer der bei Ausländern berüchtigten kargen niederländischen Steh- Empfänge vergeht, ohne dass von den Gastgebern nicht die Haßliebe zu Frankreich zur Sprache gebracht wird. Gern rümpft man die Nase über jene so gänzlich uncalvinistische Völlerei, mit der Beschäftigte in Südeuropa um die Mittagszeit wertvolle Arbeitszeit verschwenden, während ihre Kollegen in Amsterdam einfach ein vegetarisches Gesundbrötchen mit Buttermilch hinunterwürgen. Die Abneigung gegen solch "burgundisches Gehabe" hindert aber tausende Niederländer nicht, alljährlich die Ferien auf einem französischen Weingut oder einem renovierten Bauernhof zu verbringen.

Postnationalistische Niederländer

Zwar sehen niederländische Intellektuelle die eigene Gesellschaft gern als multikulturell und weltoffen, doch Franzosen mögen sie am liebsten, wenn sie in Frankreich bleiben. Franzosen sind nämlich nationalistisch, Niederländer dagegen postnationalistisch. Jetzt wettert selbst Elsevier, das Leib- und Magenblatt der niederländischen, ansonsten extrem marktgläubigen Rechtsliberalen, gegen den Ausverkauf niederländischer Interessen bei KLM. Geert Hofstede, emeritierter Hochschullehrer, sagt einen "Zusammenprall der Firmenkulturen" voraus. Erfolgreiche Fusionen, so Hofstede, liefen nach dem Muster ab: Betrieb aus kleinem Land übernimmt Betrieb aus großem Land.

Ja, wenn KLM die fünfmal so große Air France geschluckt hätte, dann würde es freundlich rauschen im niederländischen Blätterwald. Stattdessen kocht nun die Kommentatorenseele. Pieter Kottman, Frankreichkorrespondent des NRC Handelsblads, der den Zusammenstoß der niederländischen und der französischen Zivilisation jeden Tag am eigenen Leibe aushalten muss, hat aus seinem Herzen keine Mördergrube gemacht. Die Verträge, die die Zukunft des Amsterdamer Flughafens Schiphol und die KLM-Landerechte im Ausland garantieren, könne man vergessen: "Franzosen finden, dass Absprachen nur für andere gelten." Haben sie nicht gerade wieder kalt lächelnd den nächsten Verstoß gegen den Stabilitätspakt angekündigt? Franzosen weichen nicht dem Recht, sondern nur der Übermacht, so sein Schluß. Während die calvinistische Logik dazu zwinge, Normen der Wirklichkeit anzupassen, flüchteten die katholisch geprägten Franzosen lieber in Heuchelei: Euthanasie gebe es schließlich auch in Frankreich, illegal versteht sich, denn legalisieren wie in Holland, das hieße ja der Wahrheit ins Auge zu sehen. Und sowas tun Franzosen nicht.

Düstere Wolken

Glaubt man Hollands Medien, so ziehen sich düstere Wolken über KLM zusammen: Radikale kommunistische Gewerkschaftler werden konsensbereite, nachgiebige holländische Manager über die Flure zerren, die neuen Eigentümer in Paris werden die Verträge zerreissen, die sie mit den Niederländern unterzeichnet haben und Leo van Wijk wird als Strafe für seine Ignoranz für kulturelle Differenzen von Air-France-Chef Jean-Cyril Spinetta jeden Mittag dazu gezwungen werden, in der Vorstandsetage ein 5-Gänge-Menu mit Burgunder zu sich zu nehmen. Und was sagt die Regierung dazu? Die sieht die niederländische Kultur und Lebensart mehr durch islamische Immigranten als durch französische Manager bedroht und lässt nur knapp mitteilen, sie halte die Fusion für ein gutes Geschäft. Denn pragmatisch sind sie auch, die Niederländer. Manche jedenfalls. (DER STANDARD Printausgabe, 9.10.2003)

Klaus Bachmann aus Amsterdem
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    Kampf der Zivilisationen zwischen den unterkühlten, kaufmännisch-calvinistischen Niederlanden und dem carthesianischen, katholisch geprägten Frankreich

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