Arnie, der verdiente Sieger?

20. Oktober 2003, 20:17
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Was passiert, wenn nur noch Medienspektakel, Negativwerbung und Populärkultur über das höchste Amt im Staat entscheiden - Ein Kommentar der anderen von Peter Filzmaier

Jedes Land hat die Politiker, die es verdient. Das kalifornische Wahlsystem macht's möglich, dass es bei 34 Millionen Einwohnern nur 15 Millionen registrierte Wähler gibt, und eine Million Unterschriften zur Einleitung eines Amtsenthebungsverfahrens gegen den Staatschef genügen. Das nämliche System half Arnold Schwarzenegger, ausreichend Wähler zu mobilisieren, um ihn zum neuen Gouverneur zu machen. Bezeichnenderweise wird eine Wahlbeteiligung von etwa 60 Prozent, die noch vor kurzem in Tirol Entsetzen auslöste, in den USA als historischer Rekordwert gefeiert.

Wenn nur noch Medienspektakel, Negativwerbung und Populärkultur über das höchste Amt entscheiden, dann hat Kalifornien den Terminator zweifellos verdient. Als Österreicher aber sollten wir den Anfängen einer pervertierten Medien(=Fernseh)-Demokratie wehren und nicht anlässlich der zehntausende Kilometer entfernten Wahl einen seltsamen Nationalstolz ausleben.

Fernsehlogik

Warum war Schwarzeneggers Triumph hoffentlich nur in den USA möglich? Bei einem Wahlkampf wird von den Strategen zwischen air wars und ground wars unterscheiden, das heißt zwischen dem virtuellen Wettbewerb um die Lufthoheit im Fernsehen und der realen Konkurrenz mit Bodenkontakt zwischen Politikern und Wählern.

Der Filmstar Arnie verfügte über derart dramatische Wettbewerbsvorteile im Fernsehwahlkampf, dass sich jegliches Bemühen um die direkte Begegnung mit dem Wähler de facto erübrigte. Die Besuche von Wahlveranstaltungen mit einem bunten Tourbus sollten auch keineswegs Kontakt mit der Bevölkerung herstellen, sondern dienten lediglich dazu, Bilder für unzählige mit Journalisten besetzte Folgebusse bereit zu stellen.

Zwei Drittel der Wähler meinten, Schwarzenegger wäre nicht kompetent. Inhalte werden aber unwichtig, wenn Originaltöne von Kandidaten in redaktionellen Berichten etwa sieben Sekunden dauern. Arnies Themenbotschaft "I will clean house!" entsprach der Fernsehlogik. Kurze Bildeindrücke und plakative Wortspenden dominieren, also ist der Muskelprotz ein logischer Politiker.

Als Schauspieler entspricht er dem Anforderungsprofil der Fernsehdemokratie, gerade weil er in einem seiner Filme nur gezählte 75 Wörter spricht. Das ist aufgrund der Perversion einer fernsehgesteuerten Politik mehr Text als ihm im Wahlkampf zu Sachfragen abverlangt wurde.

Themendebatten ging Schwarzenegger im Fernsehen aus dem Weg, weil sich das als störend für sein Image hätte erweisen können. Ein Terminator schlägt zu, ohne Fragen zu stellen. Vor allem blamiert er sich nicht mit Antworten, die zugleich kritische Fragesteller populär machen könnten.

Abgesehen vom Imagefaktor werden im Fernsehen Wahlkämpfe durch Geld entschieden. Jeder darf werben, solange das Geld reicht. Arnies Eigenkapital und seine anfangs verleugneten Finanziers im Hintergrund waren ganz ohne Doping ungleich potenter als die Geldbeutel einer beispiellos schwachen Konkurrenz. In einem Land, wo 2002 nur in 21 von 435 Fällen der finanzschwächere Kandidat in den Kongress einziehen konnte, werden Ämter käuflich.

Die Negativkampagne gegen den national adoptierten Volkshelden aus der Steiermark wegen sexueller Belästigung und angeblicher nationalsozialistischer Sympathiebekundungen ist ebenfalls fester Bestandteil der US-Fern 4. Spalte sehdemokratie. Als Loretta Sanchez sich in Kalifornien als Kongressabgeordnete bewarb, wurde sie von Konkurrenten konsequent sowohl möglicherweise zu Recht der Korruption als auch sicher unberechtigt der Sodomie beschuldigt. Zwar lassen sich mit Negativkampagnen nicht unmittelbar Stimmen gewinnen, jedoch kann man leichter Aufmerksamkeit erregen. Pech für Arnies Gegner, dass 80 % der Wähler sich schon vor Aufkommen der Grapschaffäre festgelegt haten.

Image Building

In einem solchen Wahlkampf mit unzähligen Werbespots und einem horse race- journalism, der mit an Recherchen orientierter Berichterstattung nichts zu tun hat, ist Bodybuilder Schwarzenegger genauso auf Siegkurs wie Jesse Ventura, der als Weltmeister im Catchen Gouverneur von Minnesota wurde. Es geht um Image Building, das nur oberflächlich mit Politik verknüpft werden muss, wie die vom Terminator im Haus Kalifornien angekündigte Putzaktion bewies.

Droht angesichts dieser Entwicklung das Ende der Demokratie? Nein, doch falls in Österreich öffentlich-rechtliches Fernsehen, staatliche Wahlkampffinanzierung und strenge Werbegesetze wie auch Verhältniswahlrecht und Parteiendemokratie jemals Argumentationshilfen benötigen, können sie auf das kalifornische Beispiel verweisen. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2003)

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