Türkischer Kniefall

20. Oktober 2003, 20:17
11 Postings

Mit der Entscheidung für eine Truppenentsendung in den Irak beginnen die Probleme von Ankara erst - ein Kommentar von Gerhard Plott

Mit massivem Druck hat Washington nun erreicht, dass die Türkei auch ohne UNO-Mandat bis zu 10.000 Soldaten in den Irak schicken wird. Versüßt wurde die schmerzhafte Entscheidung durch die US-Zusage für einen Kredit über 8,5 Milliarden Dollar, dessen Auszahlung aber an die Bedingung geknüpft ist, dass Ankara im Irak mit Washington brav zusammenarbeiten müsse. Bis jetzt hatte sich die Türkei standhaft geweigert, dem Nato-Partner USA militärisch zu helfen und Washington damit nachhaltig verärgert.

Die Entsendung von Soldaten in den Irak stößt allerdings auf Widerstand in der türkischen Bevölkerung. Fast täglich finden landesweit Demonstrationen statt, bei denen Reformpremier Tayyip Erdogan aufgefordert wird, türkische Soldaten nicht zum Kanonenfutter zu machen. Mehr als 60 Prozent der Türken sind laut jüngsten Umfragen gegen die Entsendung von Truppen in das Nachbarland. Geht das Experiment im Irak schief, droht Erdogan das abrupte Ende seiner politischen Karriere.

Gegen die Stationierung türkischer Truppen hat sich auch mehrmals der irakische Regierende Rat ausgesprochen, der seinerseits von den USA installiert wurde: Der Einsatz im Irak werde für die türkischen Soldaten kein Honiglecken werden. Hier bricht ein offener Konflikt zwischen dem Regierungsrat und seiner Schutzmacht USA aus. Von Tag zu Tag versucht sich der Rat zunehmend zu profilieren, was US-Zivilverwalter Paul Bremer nicht recht sein kann. Bremers bisherige Marionetten entwickeln plötzlich ein unerwünschtes Eigenleben.

Türkische Truppen würden nur Schaden anrichten, erklärten unisono die nordirakischen Kurden und die letzten Kämpfer der PKK/Kadek im Nordirak. Auch wenn die Türken nicht im Nordirak eingesetzt werden, befürchten die Kurden, dass Ankara ein begehrliches Auge auf ihre erdölreiche Heimat wirft. Mit dem Kniefall vor den USA beginnen für Ankara die Probleme erst. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2003)

Share if you care.