"Jet Lag": In Stöckelschuhen am Flughafen

19. Juli 2004, 14:16
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Der französische Star Juliette Binoche über "Jet Lag", Reservegepäck, Provokation und den Humor von Michael Haneke

Der französische Star Juliette Binoche unternimmt mit dem aktuellen Film "Jet Lag" einen Ausflug ins Komödienfach. Isabella Reicher sprach mit der Schauspielerin über Reservegepäck, Provokation und den Humor von Michael Haneke.


Paris/Wien – Schon ihre erste Szene ist eine Überraschung: Hektisch, mit Turmfrisur, auf hohen Absätzen, bahnt sich eine Frau ihren Weg durch die Menge, führt nervöse Telefongespräche, verliert ihr Handy auf dem Klo und strapaziert in der Folge die Geduld eines übermüdeten hypochondrischen Mitreisenden.

Mit Jet Lag hat die französische Regisseurin Danièle Thompson ein Zweipersonenstück inszeniert und es inmitten anonymer Menschenmassen auf dem Pariser Flughafen Charles de Gaulle angesiedelt. Rose (Binoche) trifft dort während eines Streiks also auf Félix (Jean Reno) und zwischen den beiden ungleichen Charakteren entwickelt sich langsam eine Beziehung.


STANDARD: Mit Rose haben Sie sich an eine ungewöhnliche Rolle gewagt. Sie ist eine schrille, fast burleske Figur, die sich sehr von Ihren bisherigen Rollen unterscheidet.

Binoche: Zu Beginn hat mich die Vorstellung, in einer Komödie zu spielen, etwas erschreckt. Aber ich hatte immer schon das Gefühl, dass Rose eine sehr komplexe Figur ist. Sie versteckt sich hinter ihrer Aufmachung. Sie möchte es immer allen recht machen und allen gefallen. Sie hat also auch eine tragische Seite, die ich sichtbar machen wollte. Sie zu verstehen und zu verkörpern war also eine Herausforderung.

STANDARD: Wie genau sind Sie mit dieser Herausforderung umgegangen?

Binoche: Das Drehbuch hat die Figur bereits sehr genau entworfen. Das Buch zu kennen und das eigene darstellerische Vermögen einzubringen, das ist sozusagen das Gepäck, das man mitbringt und in Reserve hat. Dann braucht man Zeit, um in die Figur hineinzuschlüpfen, ihre Gesten und ihren spezifischen Rhythmus zu finden. Ich habe sie mir als Katze vorgestellt, als einen runden, weichen Charakter. Beim Drehen schließlich ganz gegenwärtig zu sein, sich überraschen zu lassen, das ist die andere Seite.

STANDARD: War das in diesem Fall leicht zu bewerkstelligen?

Binoche: Der Film war schwierig. Man ist mitten in diesem Gewimmel auf dem riesigen Flughafen und zugleich soll man eine intime Atmosphäre zwischen den beiden Hauptpersonen aufbauen. Der Beginn von Dreharbeiten – das ist wie neue Schuhe, die drücken. Speziell in diesem Fall: Mit Stöckelschuhen im Flughafen – das war ein physisches Problem, das waren zwölf Zentimeter hohe Absätze!

STANDARD: Sie sind mit dem europäischen Autorenfilm groß geworden, nun haben Sie eine populäre Komödie gedreht – weshalb?

Binoche: Ich mache, was ich will – auch wenn das manchmal nicht so aussieht. Ich involviere mich bei jedem Film in derselben Art und Weise. Es stimmt, dass etwa Michael Haneke, mit dem ich Code inconnu gemacht habe und nun einen neuen Film, anders arbeitet, jede einzelne Einstellung sehr präzise durchdenkt. Er liebt es, Dinge zu thematisieren, denen sich die Leute nur ungern aussetzen. Er ist sehr provokativ, und das mag ich. Aber Danièle ist auf ihre Art auch provokativ. Ich versuche immer, die Projekte zu erkennen, die zu mir gehören.

STANDARD: Können Sie etwas zum Haneke-Projekt sagen?

Binoche: Ja, der Film heißt Caché. Daniel Auteuil spielt mit, und ich spiele seine Frau. Es geht unter anderem darum, wie man mit seiner Vergangenheit lebt, als Franzose, und wie man mit der algerischen Geschichte immer noch Franzose sein kann. Was ich an Michael mag, ist sein Humor. Er kann sehr pessimistisch sein. Aber er hat auch einen großartigen Humor. Ich würde gerne noch oft mit ihm arbeiten.

STANDARD: Humor ist nicht unbedingt das Erste, was man mit Haneke und seinen Filmen assoziieren würde.

Binoche: Das glaube ich Ihnen! Aber er weiß, was er will. Und er liebt seine Schauspieler, kennt ihr Potenzial, weiß, was und wie viel ein Schauspieler geben kann, dafür hat er ein Gespür. Es gibt andere Regisseure, die Schauspieler nicht besonders schätzen und gleichzeitig von ihnen erwarten, dass diese unglaubliche Dinge vollbringen, sich in Stücke reißen und am Ende sind sie dann erst recht nur sauer auf sie. Auch das kommt vor! (DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2003)

  • Juliette Binoche (41) ist seit
den 80ern eine fixe Größe im
französischen und internationalen Kino. Zu ihren größten
Erfolgen zählen u.a. "Les
Amants du Pont-Neuf", "Trois
Couleurs: Bleu", "The English
Patient" oder "Chocolat".
    foto: tobis

    Juliette Binoche (41) ist seit den 80ern eine fixe Größe im französischen und internationalen Kino.

    Zu ihren größten Erfolgen zählen u.a. "Les Amants du Pont-Neuf", "Trois Couleurs: Bleu", "The English Patient" oder "Chocolat".

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