Ausschreibungspolitik als "groteskes Schauspiel"

12. Oktober 2003, 20:53
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Eine Bilanz aus aktuellem Anlass

Wien - Noch bei seinem Amtsantritt Anfang Mai 2001 hatte Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) zwar betont, eine offene Ausschreibung sei "nicht in jedem Fall anzuwenden". Je größer das Haus und die damit verbundene Verantwortung sei, desto sensibler müsse man herangehen. "Aber man kann hinter bestimmte Verfahren, was etwa Transparenz und Qualitätssicherung angeht, nicht mehr zurückgehen." Doch schon Ende Juni 2001 gab er in einem APA-Interview seine neue Devise aus: "Ab sofort wird alles ausgeschrieben!" Seither ist viel Wasser die Donau hinunter geflossen. Eine Bilanz aus aktuellem Anlass.

Als im August 2001 die Verlängerung des Vertrags von Rudolf Klausnitzer als Intendant der Vereinigten Bühnen Wien um fünf Jahre bekannt gegeben wurde, bei der es sich um eine Nicht-Inanspruchnahme der Kündigungsklausel handelte, meinte der Kulturstadtrat noch, es wäre ihm lieber gewesen, man hätte den Posten ausgeschrieben - "schon aus Prinzip". Doch schon Ende Oktober 2001 wurde als Josefstadt-Direktor - nachdem Hermann Beil als Favorit der Findungskommission abgesagt hatte - mit Hans Gratzer ein Kandidat gekürt, der sich streng genommen gar nicht auf die Ausschreibung beworben hatte.

Rabenhof

Als "groteskes Schauspiel" geißelten die Oppositionsparteien und die Mitbewerber kurz darauf auch das Ausschreibungsverfahren für die Leitung des Rabenhof-Theaters, aus dem im November 2001 der bisherige Leiter Karl Welunschek als Sieger hervorging, der es zuvor nicht geschafft hatte, die Bühne schuldenfrei zu betreiben. Nachdem Welunschek Ende der Saison 2002/2003 die Leitung niederlegte, übernahm hingegen Thomas Gratzer ohne eine Ausschreibung, die Mailath-Pokorny angesichts des kurzen, interimistische Zeitraums nicht für sinnvoll erschien, die Bühne für die nächsten eineinhalb Jahre. Auf positivere Resonanz gestoßen war die im Juli 2001 bekannt gegebene Besetzung der Leitung des Theaters der Jugend mit Thomas Birkmeir.

Museen der Stadt Wien

Doch schon die Ausschreibung der neuen kaufmännischen Leitung der nunmehr ausgegliederten Museen der Stadt Wien war von den Grünen als "unter der Wahrnehmungsschwelle" kritisiert worden, und auch die Besetzung des Direktionspostens mit Wolfgang Kos im September 2002 sorgte für Aufregung: Das Kuratorium der Museen der Stadt Wien hatte auf Grund der Ausschreibung ein Hearing veranstaltet und einen gereihten Dreiervorschlag erstellt. Kos war jedoch nicht unter diesen Top 3. Mailath-Pokorny und der letztentscheidende Stadtsenat sind zwar gesetzlich nicht verpflichtet, sich an den Vorschlag des Kuratoriums zu halten, doch hatte der Kulturstadtrat zuvor bei einer Pressekonferenz gemeint: "Natürlich werde ich mich daran halten, sonst ist es ja eine Augenauswischerei".

kosmos.frauenraum

Wird normalerweise die Umgehung von Ausschreibungen angeprangert, so stieß im Juni 2002 die Ankündigung der Neuausschreibung der Leitungsposition des kosmos.frauenraums als Bedingung für die Gewährung einer Betriebssubvention auf heftige Kritik. Das sei eine "unerlaubte politische Einmischung", meinte Mailath-Porkornys Vorgänger Peter Marboe, die Grünen sprachen von einem "menschenverachtenden und erpresserischen Vorgang".

Wiener Theaterhaus für Kinder

Für Unmut bei der IG Freie Theater sorgte schließlich die vergangenen Herbst erfolgte Ausschreibung der Künstlerischen Leitung für das im Bau befindliche Wiener Theaterhaus für Kinder, da sie zu wenig mit Vertretern der Freien Kindertheater akkordiert worden sei und zudem die Kaufmännische Leitung nicht ausgeschrieben, sondern bestellt werden soll.

Theater an der Wien, Ronacher und Raimund Theater

Bei der heute bekannt gegebenen Besetzung der Intendantenposten für Theater an der Wien, Ronacher und Raimund Theater, vertrat der Kulturstadtrat die Ansicht, dass eine Ausschreibung deshalb "nicht notwendig" gewesen wäre, da die beiden Musikintendanten als Angestellte der VBW geführt werden. "Eine Ausschreibung ist dort sinnvoll, wo sie gesetzlich vorgeschrieben ist und wo sie taugliche Ergebnisse erzielt", so der Kulturstadtrat am Dienstag.

"Falls es zutrifft, dass eine Ausschreibung rechtlich nicht notwendig war, kann man diesmal zumindest von einer ehrlichen Bestellungspolitik sprechen, insofern, als nicht wie bisher Ausschreibungen vorgetäuscht wurden, um letztlich den längst feststehenden Kandidaten zu ernennen", ätzte heute dazu der Kultursprecher der Wiener Volkspartei, Andreas Salcher, in einer Aussendung. Doch er freue sich, dass die einst von Peter Marboe "entwickelte Vision" zur Umwidmung des Theaters an der Wien nun von der SP-Regierung realisiert werde.

Volkstheater

In den nächsten Tagen soll übrigens die mit Spannung erwartete Ausschreibung für die künftige Leitung des Volkstheaters Wien veröffentlicht werden. "So wie das jetzt läuft, fürchten viele, dass die Nachfolge vor allem politisch entschieden werden könnte", hatte die jetzige Direktorin des Hauses, Emmy Werner, erst jüngst die bisherige Vorgangsweise in der Frage kritisiert.(APA)

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