Begegnung mit einer Legende

13. Oktober 2003, 20:26
posten

Freudvolle Rostropowitsch-Feier im Musikverein

Wien - Im Saal diverse Cello-Granden der Stadt (Varga, Herzer, Bartolomey père et fils - die Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit), am Stehplatz die höchste Jungcellistendichte ever. Am Podium: der wichtigste Cellist der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, Vorbild und Idol - Mstislaw Rostropowitsch.

130 Cellokonzerte hat der 76-Jährige aus der Taufe gehoben, darunter u. a. jene von Prokofiew, Schostakowitsch und Britten. Das dritte Cellokonzert von Krzysztof Penderecki hätte am Samstagabend folgen sollen, allein, der Pole war von einer längeren Krankheit an der rechtzeitigen Fertigstellung gehindert worden.

Nach Schuberts Unvollendeter als Eröffnungsstück - Seiji Ozawa und die Philharmoniker gaben sie etwas zu luxuriös-glatt-formvollendet wieder - stürmte nun also der greise Meister ungeduldig dem Podium entgegen, und der erste Satz des festlich-sonnigen Haydn-C-Dur-Konzertes wurde im schnellsten Moderato angegangen, das die Musikwelt je gehört hatte.

Rostropowitsch frönte zumeist behänder Leichtigkeit, die Philharmoniker und Ozawa boten eine der unerhörtesten Begleitleistungen überhaupt: Wie spinnwebenzarter Schatten folgten sie den oft flüsterleisen Aktionen des Solisten. Im zweiten Satz vom nachfolgenden Cellokonzert Antonín Dvoráks fand er zu berührender Schlichtheit.

Rainer Küchls Soli werden als großes Rätsel in die Geschichte des Wiener Philharmonischen Orchesters eingehen. Warum forciert der Konzertmeister nur so sehr? Rostropowitsch war im kurzen Zusammenspiel mit Küchl (Dvorák, 3. Satz) leider nicht mehr zu vernehmen. (DER STANDARD; Printausgabe, 8.10.2003)

Stefan Ender
Share if you care.