Das geht uns mega auf den Dieter

8. Oktober 2003, 12:12
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Dieter Bohlen versucht mit "Hinter den Kulissen" auch das menschlich Unkorrekte zu vermarkten. Eine Polemik

Dieter Bohlen verheerte mit Modern Talking die Musik. Mit seinen Memoiren "Nichts als die Wahrheit" wurde er zum Großmeister des politisch Unkorrekten. Jetzt versucht er mit "Hinter den Kulissen" auch das menschlich Unkorrekte zu vermarkten. Eine Polemik.


Wien - Selbst wenn man das Fönwellengewinsel von Liebesleid in der Dorfdisco einmal beiseite schiebt und einen der verheerendsten akustischen Wegbegleiter der eigenen Jugendzeit halbwegs ohne Gefühle, die andere Menschen in ihren Erinnerungen verletzen könnten, zum Gegenstand nimmt:

Man muss nicht mit der Keule der Zivilisationskritik, mit Theodor W. Adornos Ansichten zur "Negermusik" oder intellektuellen Betrachtungen zur Kulturindustrie daherkommen, um den Pop-Bonzen Dieter Bohlen zwischen Modern Talking, seiner Rolle als Juror bei Deutschland sucht den Superstar, im Aufsichtsrat des Unterhaltungsriesen Bertelsmann und zwischen Naddel, Verona und Daniel Küblböck in täglich via Bild-Zeitung und RTL anbrandenden Schlagzeilen aus der untersten Schublade so richtig "megatitten-endgeil-mäßig Mega-Kacke" zu finden.

Punkt. Und: Lass ihn stecken! Damit wir im Sprachgebrauch des erfolgreichsten lebenden deutschen Komponisten und Erfolgsautors bleiben, der gemeinsam mit Bild-Klatschtante Katja Keßler im Vorjahr mit seinem Memoirenband Nichts als die Wahrheit auch den deutschen Buchmarkt mit sechsstelligen Verkaufszahlen rettete.

Man kann sich dem Herrn natürlich rein sachlich nähern: a-Moll, e-Moll, G-Dur. Die einmal gefundene und schon seit der Erfindung von Musik jenseits der Buschtrommeln wenig originelle Akkordfolge von You're My Heart, You're My Soul, der Debütsingle von Modern Talking aus 1985, sollte zwar mit dem Nachfolger You Can Win If You Want noch in einem Ansatz von Pfiffigkeit erweitert werden. Immerhin belegen a-moll, e-Moll, F-Dur und G-Dur, dass sich hier jemand mit dem F-Dur-Griff die Mühe macht, zumindest auf der Gitarre nicht den gestreckten Mittelfinger auf die Saiten zu pressen, sondern am ersten Bund mit dem Zeigefinger für Ordnung zu sorgen.

Kein Herz, keine Seele

Ein Ist-Zustand, der nur mehr wenig variiert wurde: Dumpfer Vierviertelrhythmus, nach Erlösung schreiende Streichorchester-Samples, verhallter Gesang, vernudelte Mitten, keine Höhen, keine Tiefen, keine Seele. Euro-Trash: "You're no good, can't you see, brother Louie, Louie, Louie, I'm in love, set you free, oh, she's only looking to me."

Modern Talking haben 160 Millionen Platten verkauft. Der Sound des hässlichen Deutschland, das Nonplusultra der deutschen Spaßkultur.

Modern Talking haben sich jetzt zwar wieder einmal aufgelöst. Dank Bohlens Ruf als Experte für die niederen Dinge hielt er allerdings 2002 Einzug als Jurymitglied in der RTL-Sendung Deutschland sucht den Superstar. Und er wurde mit seinen verletzenden Sprüchen und der Autobiografie Nichts als die Wahrheit bald zum gern gesehenen Pausenclown in einer Unterhaltungsmaschinerie, die zwischen Konzernriesen und Tochterunternehmen wie Springer, Bertelsmann, RTL, Bild, Heyne oder BMG nicht nur wirtschaftlich auf Synergieeffekte setzt. Nein, mit Bohlen als Hauptzuträger wird auch das Bild einer deutschen Kultur bestimmt, die dank Wirtschaftskrise, Superstar-Kult und Ich-AG derzeit vor allem auf eines setzt: "Es ist so schön, so wie ein Schwein zu sein." Und: "Geiz ist geil!"

Am Wochenende ist Bohlens zweites Buch, Hinter den Kulissen, erschienen, an dem so wie bei Nichts als die Wahrheit wiederum auch Katja Keßler Hand anlegte. Und dank ihrem Hauptberuf bei Bild und wochenlanger Vorberichterstattung auf der Seite eins des Hamburger Blatts erreichte Bohlen mit humorig-menschenverachtenden Attacken auf Kollegen wie Wolfgang Joop ("schnuckelige Schoko-Popos"), Thomas Anders ("Kanalratte") oder Jenny Elvers ("Queen Mum der Luder"), dass das Buch vorerst aus dem Handel genommen wurde und bei der Frankfurter Buchmesse nur mit schwarzen Balken über inkriminierten Textpassagen präsentiert wird.

Einer kann sich nicht mehr wehren: Rex Gildo, der sich wegen seiner verheimlichten Homosexualität 1999 das Leben nahm. Bohlen: "Das klang ja, als ob man ein Kilo Bananen pürierte. Ein bisschen klebrig, hula-chiquita." Keine Frage: Die Erstauflage von 200.000 Stück ist weg. (Christian Schachinger/DER STANDARD; Printausgabe, 8.10.2003)

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    randam house/buchcover
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