Fenstersprung bei Polizeieinsatz

8. Oktober 2003, 19:07
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Verzweiflungstat wegen drohender Delogierung

Mit einer schwer verletzten Frau und einer Verhaftung endete am Dienstag ein Polizeieinsatz in Wien. Während ein Zeuge Vorwürfe gegen die Exekutive erhebt, ortet die Polizei kein Fehlverhalten ihrer Beamten.

Hintergrund der Causa ist eine geplante Delogierung. Gegen 10 Uhr waren 20 Interessenten samt Gerichtsvollzieher zu der kleinen Wohnung in der Rechten Wienzeile im Gemeindebezirk Meidling gekommen. Die Besichtigung der Immobilie, die heute, Mittwoch, zwangsversteigert wird, stand auf dem Plan. Der Gerichtsvollzieher wurde zwar in die 29-QuadratmeterWohnung gelassen, dort soll er aber vom Wohnungsbesitzer bedroht worden sein.

Frau aus dritten Stock gestürzt

Der Beamte verständigte die Polizei, die nach etwa 20 Minuten eintraf. Rund zehn Beamte mühten sich etwa eine Stunde lang, den Mann und seine völlig aufgelöste Frau, die sich in einem Zimmer verschanzt hatten, zur Kooperation zu überreden.

Nach Aussagen von Stephan Mahrle vom Kommissariat Meidling sei der Mann schließlich auch auf Beamte losgegangen und wurde festgenommen. Währenddessen sei die Frau plötzlich auf ein offenes Fenster zugerannt und habe sich aus dem dritten Stock gestürzt. Die schwer verletzte Frau musste mit dem Hubschrauber ins Spital gebracht werden.

Vorwürfe gegenüber der Polizei

Ein anonymer Zeuge, einer der Wohnungsinteressenten, erhebt nun gegenüber dem STANDARD Vorwürfe. "Die Frau war hörbar mit dem Nerven am Ende und völlig verzweifelt. Es ist mir unbegreiflich, wieso es die Polizisten nicht geschafft haben, die Frau zu beruhigen und sie nicht an der Verzweiflungstat hindern konnten", schildert er. Das Fenster, durch das sich die Frau stürzte, sei über 15 Minuten lang offen gestanden.

Polizist Mahrle weist die Vorwürfe gegen seine Kollegen zurück. "Im Moment deutet nichts auf ein Fehlverhalten hin", erklärt er auf Anfrage. Grundsätzlich sei es schon so, dass ein Arzt verständigt werde, wenn ein Beteiligter sehr erregt sei. "In diesem Fall ist das nicht passiert", gesteht er. Er müsse aber mit den beteiligten Beamten sprechen, in welchem Zustand die Frau tatsächlich war. "Sollten Ungereimtheiten auftreten, kann es noch zu einer genaueren Untersuchung kommen", gibt er sich vorsichtig. (moe/DER STANDARD; Printausgabe, 8.10.2003)

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