Wie sich die Bilder gleichen

20. Oktober 2003, 20:17
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Düstere Prognose zwei Jahre nach dem Beginn des Antiterrorkriegs in Afghanistan - von Gudrun Harrer

Afghanistan hat - auch angesichts der täglichen Meldungen aus dem Irak - kaum Chancen auf Schlagzeilen: Genau wie nach dem Abzug der Sowjets 1989 die USA das Interesse verloren und das Land den als antisowjetische Kämpfer selbst herangezüchteten Mudjahedin überließen, so scheint das, was am Hindukusch passiert, auch heute wenig zu bedeuten für das tägliche Leben im Westen.

Dass diese Einschätzung in den Neunzigerjahren ein schrecklicher Irrtum war, mussten die USA spätestens am 11. September 2001 einsehen - einen knappen Monat später, am 7. Oktober, griffen sie Afghanistan an, um die Terrororganisation Al-Kaida Osama Bin Ladens und seine Protektoren - oder vielleicht eher: seine Marionetten -, die Taliban, auszuheben.

Das ist gelungen. In Kabul sitzt heute eine im Westen geachtete Regierung, mit einem Präsidenten Hamid Karsai, der zwar nicht demokratisch gewählt ist, aber immerhin von einem afghanischen Gremium eingesetzt, wenn auch mit etwas US-Nachhilfe.

Und Karsai, für den die physischen Prognosen diesbezüglich schlecht waren, befindet sich im zweiten Jahr seiner Amtszeit, wenn auch beschützt von US-Sicherheitskräften. Eine vorwiegend von Nato-Ländern gestellte Truppe mit UNO-Mandat kümmert sich um die Sicherheit in Kabul und Umgebung, wo immer mehr Leute ihre Freiheit zur Entwicklung zivilgesellschaftlicher Strukturen nützen.

Damit sind die guten Nachrichten zu Ende. Osama Bin Laden wurde nicht gefunden, die Taliban sind nicht zerschlagen, Al-Kaida ist sowieso nicht auf Afghanistan angewiesen. Und wie sich die Bilder gleichen: Wie im Irak war der amerikanische Kriegsplan für Afghanistan gut ausgearbeitet und hat gut funktioniert. Typisch waren dabei in Afghanistan neben der Unterstützung der offiziellen militärischen Opposition, der "Nordallianz", der Kauf von Warlords und Milizen, die sich dadurch von den Taliban abwandten. Aber wie im Irak (wo die Probleme allerdings andere sind) brachten die USA kein funktionierendes Rezept für die Nachkriegszeit mit: Wie verschaffe ich dem Staat wieder das Gewaltmonopol, wie mache ich die Fragmentierung wieder rückgängig, die selbstverständlich schon viel früher begonnen hat, aber durch die Art der Kriegsführung der Amerikaner eher noch verstärkt wurde?

Schätzungen sprechen davon, dass etwa eine Million afghanischer Männer an Warlords gebunden sind, die damit auch zum großen Arbeitgeber werden: Nicht wenige (mit westlichem Geld) für das neue afghanische Militär ausgebildete Soldaten kehren zu ihren Milizen zurück, weil sie dort besser bezahlt werden. Und zur Finanzierung braucht man das erfolgreichste afghanische Produkt aller Zeiten, das Opium.

Über das Problem, dass das Ablegen der Taliban-Kopfbedeckungen nicht ausreicht, um aus den afghanischen Männern Modernisierungsbefürworter zu machen, und dass viele Frauen auf die Öffnung nach dem Krieg erst recht wieder mit dem Rückzug hinter die Burka reagieren, wurde bereits viel Tinte vergossen. Aber schlimmer ist, dass die Taliban tatsächlich langsam zurückkehren, im Süden und Südosten beherrschen sie mittlerweile wieder ganze Landstriche.

Der auf der Petersberger Konferenz im Dezember 2001 erstellte Zeitplan, der im Juni 2004 die ersten freien Wahlen vorsieht, ist Makulatur, sie sind in einem Land, in dem seit August 300 Menschen (eine eher konservative Zahl, einige Gebiete sind unzugänglich) getötet wurden, heute nicht durchführbar.

Ohne Zweifel haben die amerikanischen Schwierigkeiten im Irak die islamistischen Kämpfer in Afghanistan psychologisch aufgebaut: Seit kurzem taucht das aus dem Irak bekannte Muster auf, dass Einheimische, die für internationale Organisationen arbeiten, wegen "Kooperation mit den Ungläubigen" getötet werden. In Afghanistan hat der Antiterrorkrieg begonnen, nun kommt der Terror über den Irakkrieg nach Afghanistan zurück. (DER STANDARD, Printausgabe, 8.10.2003)

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