Flotte Queen für lahme Bahn

9. Oktober 2003, 15:38
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Die Betreiberfirma der Hochgeschwindigkeitszüge "Eurostar" wirbt mit Karikaturen von Queen Elizabeth II und Prinz Charles ...

... obwohl die Züge auf britischen Schienen noch am langsamsten vorankommen.

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Beim Polospiel fällt der britische Kronprinz Charles immer öfter vom Gaul – ein 54- Jähriger ist eben kein Spitzenathlet mehr. Beim Eurostar, dem Schnellzug, der unterm Ärmelkanal von London nach Paris und Brüssel saust, sehen sie das anders. Auf den neuesten Werbepostern der Eisenbahner sprintet Charles in sportlicher Pose einer imaginären Ziellinie entgegen.

Seinen muskulösen Leib ziert ein hautenges Trikot in den blau-weiß-roten britischen Farben. Schnell wie der Prinz vom Kontinent auf die Insel rasen, das ist die Botschaft der belgischen Werber, auf deren Computern das Plakat entstand.

Bahnnetz veraltet

Doch die „Message“ ist wenig schlüssig: In Frankreich und Belgien fahren die Züge seit Jahren auf Hochgeschwindigkeitstrassen, das veraltete britische Schienennetz dagegen wirkt als drastische Bremse. Immerhin, seit September fährt der Eurostar auch in Südengland Expresstempo, vorläufig bis Gravesend in der Grafschaft Kent. Erst 2007 wird die Hochgeschwindigkeitstrasse bis London fertig gestellt sein.

Doch schon jetzt dauert die Fahrt von London nach Paris nur noch zwei Stunden und 35 Minuten, gut eine Viertelstunde weniger als bisher. Brüssel ist in zwei Stunden und 20 Minuten erreichbar.

Paul Charles, der Kommunikationsdirektor bei „Eurostar“, jubelt das entsprechend hoch: „Eine neue Ära für Europas Verkehr“, triumphiert er und spannt die Royals vor seinen Werbekarren – im Doppelpack, wohlgemerkt. Denn neben Charles kommt auch Königin Elizabeth II zu Ehren.

Sie wird mit wehendem Rock dargestellt, in jener erotischen Pose, in der Marilyn Monroe in „Das verflixte siebente Jahr“ überm Luftschacht stand. Die Beine sind die der Monroe, der graue Haarschopf und die Tiara gehören der Queen.

"Kulturbanausen"

"Geschmacklos", "Majestätsbeleidigung", "Kulturbanausen", entrüsten sich Patrioten. "Leider finden wir das nicht witzig", tadelt ein Sprecher des Buckinghampalasts auf vornehm englische Art.

Die Werbeprofis des Kanalzugs dagegen reiben sich zufrieden die Hände. In Belgien, wo die Royals-Poster zuerst auftauchten, wurden auf einen Schlag zehn Prozent mehr Tickets verkauft. "Die Belgier", sagt Paul Charles mit augenzwinkernder Unschuld, "die Belgier halten große Stücke auf die britische Königsfamilie." (Frank Herrmann aus London; DER STANDARD; Printausgabe, 8.10.2003)

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