Entsendung türkischer Truppen umstritten

9. Oktober 2003, 10:09
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Nur USA reagieren erleichtert und wollen sich finanziell beteiligen

Nachdem das türkische Parlament die Regierung zur Truppenentsendung in den Irak ermächtigt hatte, konzentriert sich die Diskussion in Ankara nun auf die Frage, ob die Soldaten im Irak überhaupt erwünscht sind.

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Noch während des Abstimmungsprozesses am Dienstag hatte Oppositionsführer Deniz Baykal die Abgeordneten gewarnt, der provisorische Regierungsrat des Irak hätte geschlossen gegen die Anwesenheit türkischer Truppen im Land gestimmt. Die Nachricht ging zurück auf eine Äußerung eines der kurdischen Vertreter im irakischen Regierungsrat und war in Ankara nicht offiziell übergeben worden. Die Stellungnahme wurde von Regierungsvertretern deshalb zu einer Einzelmeinung heruntergespielt, die "nicht so wichtig" sei.

Trotzdem weiß man natürlich in Ankara, dass nicht nur die irakischen Kurden, sondern auch die meisten schiitischen und sunnitischen Vertreter grundsätzlich dagegen sind, Truppen aus den Nachbarländern im Irak zu stationieren. Man befürchtet nicht nur die Einmischung der Türkei, sondern auch Einflussnahmen aus Iran und Syrien.

Trotz dieser unverkennbaren Signale sind die USA offenbar sehr erleichtert, dass jetzt erstmals ein muslimisches Land bereit ist, der US- Armee mit einem militärisch relevanten Kontingent eigener Soldaten zu Hilfe zu eilen. Diese Erleichterung ist so groß, dass Washington alle Einwände aus Bagdad und Arbil zur Seite wischt und auch bereit ist, allen Wünschen aus Ankara entgegenzukommen, damit nun möglichst schnell wirklich Verstärkung kommt.

USA zahlen

So äußerte ein Sprecher des US-Außenministeriums bereits, man werde sich an der Finanzierung des türkischen Einsatzes beteiligen, und es scheint auch, dass man der türkischen Armee für ihren Abschnitt die volle Befehlsgewalt zubilligen will. Das Pentagon hofft, dass die Türkei bereit ist, möglichst bald den größten Teil des so genannten "sunnitischen Dreiecks" nordwestlich von Bagdad zu übernehmen, also den Teil, in dem die meisten Angriffe auf US- Truppen stattfinden.

Ankara hatte im Vorfeld der Entscheidung eine Reihe sunnitischer Stammeschefs eingeladen und sich angeblich deren Unterstützung versichert. Nun sollen noch vor den Soldaten türkische Bautrupps für gute Stimmung sorgen und rund um Bagdad einige Moscheen reparieren, damit die Iraker sehen, mit welch guten Absichten die Nachbarn anrücken.

Doch im kurdisch kontrollierten Nordirak wird man damit die Bedenken gegen türkische Truppen nicht zerstreuen können. Die Kurden fürchten nach wie vor, dass das eigentliche Ziel der Türkei ist, einen Kurdenstaat zu verhindern. (DER STANDARD, Printausgabe, 9.10.2003)

Jürgen Gottschlich aus Istanbul
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    Der türkische Außenminister Abdullah Gül verteidigt die Entscheidung, türkische Truppen in den Irak zu entsenden.

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