Ein Gouverneur im Kampf gegen sein Image

8. Oktober 2003, 10:32
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Kaliforniens Gray Davis kämpft um sein politisches Überleben

"Er ist kein mitreißender Leader, um es milde auszudrücken." So beschrieb die Los Angeles Times Gray Davis, den noch amtierenden Gouverneur von Kalifornien, jüngst in einem Leitartikel. Dennoch forderte das Blatt die Kalifornier auf, trotz alledem bei den heutigen Recall-Wahlen zu seiner Abberufung Nein zu sagen - denn keiner der anderen Kandidaten böte auch nur eine akzeptable Alternative.

Die Mutter von Joseph Graham Davis jr. hatte vermutlich keine Ahnung, welch umfangreiche Möglichkeiten für Wortspiele sie ihrem am 26. Dezember 1942 in New York City geborenen Sprössling mit in die Wiege legte, als sie ihm den Spitznamen "Gray" gab. Denn nahezu jeder kritische Artikel während der letzten Jahre beinhaltete eine Anspielung auf die "mausgraue" Persönlichkeit ihres Sohnes. Die Familie Davis zog 1954 nach Kalifornien, wo Gray sein Geschichtsstudium an der Stanford University mit Auszeichnung absolvierte und später an der Columbia University in New York noch ein Jusstudium abschloss.

Nach seinem Militärdienst in Vietnam, für den Davis eine Reihe von Orden erhielt, wurde er 1974 zum Stabschef des damaligen - im Unterschied zu Davis schillernden und unorthodoxen - demokratischen Gouverneurs Jerry Brown ernannt. 1984 wurde Davis zum obersten Finanzchef Kaliforniens gewählt, wo er eine Reihe von populären Maßnahmen durchsetzte, so etwa die Verkleinerung der kostspieligen Bürokratie Kaliforniens. Als er neben dem republikanischen Gouverneur Pete Wilson 1994 erfolgreich als Vizegouverneur kandidierte, konnte er vor allem bei der spanischsprachigen Minderheit mit sensationellen 80 Prozent punkten.

Als Davis 2002 wieder antrat, mehrten sich die Vorwürfe: Farblos sei er, distanziert und langweilig und allzu sehr von seinen Geldgebern, großen Gewerkschaften und Firmen, abhängig. 2002 konnte sich Gray Davis nur noch mit viel Mühe und einer Kriegskasse von 64 Millionen Dollar gegen seinen republikanischen Gegner Bill Simon im Amt behaupten.

Danach ging es für ihn bergab, als Kalifornien eine Energiekrise erlebte. Obwohl sich später herausstellte, dass nicht Davis, sondern die Preistreiberei einer großen Zulieferfirma für die Krise verantwortlich war, wurde ihm vorgeworfen, allzu passiv reagiert zu haben. Dazu kam, dass sich das Budgetdefizit Kaliforniens auf die gigantische Summe von 38 Milliarden erhöhte.

Trotz der Publicity, die Grays stärkster Widersacher, der "Terminator" Schwarzenegger, für sich beansprucht, ist der gefährlichste Feind von Gray Davis letztlich doch er selbst: Vielen Beobachtern erscheint es als ziemlich aussichtslos, dass der 60-Jährige gegen sein eigenes Image - reserviert, herablassend und emotionslos - bestehen kann. (DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2003)

Von Susi Schneider
  • Artikelbild
    foto: epa/monica m. davey
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