Nahaufnahme eines schwachen Helden

6. Oktober 2003, 19:01
posten

Der erste Lettre-Ulysses-Award für Reportagen ging an Anna Politkowskaja

Bert Rebhandl

Berlin - Der russische Major Witali Newmerschitski ist ein schwacher Held. Einen einzigen Akt der Courage, als er in Tschetschenien nach der Ermordung von sechs Zivilisten durch Bundestruppen den Militärstaatsanwalt einschaltete, bezahlt er mit dem Gefühl, nie wieder ganz zu der Truppe zu gehören, der er sein Leben verschrieben hat.

"Im September 2002 habe ich Witali in Schatoi von weitem bemerkt", schreibt Anna Politkowskaja in ihrer Reportage Operation Schatoi. "Offensichtlich hatte er mit dem Trinken angefangen, sein Gesicht war erschlafft. Er schrie ein paar Soldaten an, die Munitionskisten trugen. Ich empfand Übelkeit. Wie weit kann ein Mensch gehen, wenn er erreichen will, dass sein Clan ihm verzeiht?"

Mit diesen Sätzen endet ein Text, der am vergangenen Wochenende in Berlin mit dem erstmals vergebenen Lettre-Ulysses-Award für Reportagen ausgezeichnet (das Preisgeld beträgt 50.000 Euro) wurde. Die Anregung zu diesem alternativen Nobelpreis für nicht fiktionales Schreiben war von Günter Grass ausgegangen. Nach langwieriger Selektion waren sieben Autoren für die Endrunde nominiert worden: Neben Anna Politkowskaja waren dies Ian Buruma, Linda Polman, Adrian Nicole Leblanc, Jian Hao, Nuruddin Farah sowie das Duo Mark Tully und Gillian Wright. Ihre Texte sind im aktuellen Heft der Zeitschrift Lettre abgedruckt. Eine Jury, die sich das Epitheton "babylonisch" redlich verdient hat (bekanntester Name dürfte der Amerikaner Philip Gourevitch sein), zeichnete neben der Russin Anna Politkowskaja mit ihrem Tschteschenien-Text noch zwei weitere Autoren aus.

Auf dem zweiten Platz landete der in Kapstadt lebende Nuruddin Farah mit einem Bericht über das Exil seiner somalischen Landsleute in Kenia und Italien (30.000 Euro), dahinter der chinesische Schriftsteller, Drehbuchautor und Filmemacher Jiang Hao mit einer stellenweise sehr komischen Geschichte über Wilderer in der Inneren Mongolei, die auf ebenfalls illegal jagende Parteikader treffen.

Die Festrede in Berlin hielt übrigens Ryszard Kapuszinski, der damit als Doyen seiner Zunft geadelt wurde, sich deren nunmehr wichtigsten Preis aber erst noch erschreiben muss.

Share if you care.