"Ein Sammelbecken all der glitzernden Abbilder"

6. Oktober 2003, 19:12
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Richard Reichensperger aus St. Petersburg

Hier fallen auf den endlosen Prachtboulevards, die Peter der Große 1703 ins Sumpfland stampfen ließ, die vielen Marineuniformen auf: In elegantem Dunkelblau mit zweireihigen Goldknöpfen verweisen sie auf das Meer, auf Weltoffenheit und Freiheit (auch des "Abhauens"), wie es ein Binnenland nicht kennt. Die Vision Peters war: der Natur eine Stadt, erbaut von den besten Architekten Europas, abzutrotzen und zugleich dem eigenen riesigen Binnenland die Kultur der Aufklärung aufzupfropfen. Beide wehrten sich, die Natur durch Überschwemmungen, die Kultur durch Abschließung gegen alles Fremde, Westliche.

Dem Traum Peters vom offenen Russland wurden von Beginn an Albträume entgegengestellt, literarisch und politisch - das "dritte Rom" Moskau bedrohte immer wieder das "vierte Rom", als das sich Petersburg nicht nur mit seinen klassisch klaren, kilometerlangen Kolonnaden verstand. So entstand in Politik und Kultur der "Petersburg-Text", einsetzend mit Puschkins Der eherne Reiter (1831).

Zwar lobt Puschkin hier zuerst die atemberaubend klare Architektur ("Ich lieb' die strenge Wohlgestalt, wo scharf die Schlafkonturen bleiben"). Aber sieben Jahre nach der katastrophalen Überflutung der Stadt lässt er seinen kleinen Helden vor Falconets berühmtem Peters-Denkmal nach dem Tod seiner Geliebten klagen, dass der Herrscher zwar Visionen gehabt, aber nicht an Dämme gedacht hätte. Daraufhin beginnt die Reiterfigur ihn durch die Stadt zu jagen.

Drohender Untergang

Die Stadt als apokalyptischer Reiter, wie sie auch Dostojewski immer wieder inszenieren wird, der drohende Untergang, doppeltes Verschlingen, durch das Meer und durch das Unbewusste. In dieser Spannung zwischen Traum und Albtraum ist auch der Beitrag Österreichs zum Jahr des 300. Geburtstags von Petersburg angesiedelt: Am vergangenen Wochenende wurde eine vom österreichischen Kulturforum Moskau geplante Veranstaltungsreihe eröffnet: Traumlandschaften.

Bis zum 19. Oktober werden russische und österreichische Künstler, oft in gemeinsamen Projekten, Musik, Literatur, bildende Kunst präsentieren. Der Auftakt, mit Konzerten des Heinrich-von-Kahlheim-Ensembles und des "böszen Salonorchesters", war fulminant. Keine passive Kultur nämlich, sondern Kompositionsaufträge.

Keine Klischees, sondern aktive Auseinandersetzung: Das Jazzensemble Kahlheims etwa entwickelte in einem Palais, in dem gut die Anna Karenina getanzt haben könnte, Gegenbilder im doppelten Sinne. Zu Bildern des Phantastischen Realismus, den man in Wien eigentlich kaum noch sehen will, der hier in Petersburg derzeit aber total en vogue ist, entwickelte das sich aus Russen und Österreichern zusammensetzende Ensemble Variationen und Dekonstruktionen. Bilder, durch Töne und Video verzerrt und neu gruppiert. So irre schräg wie auch die neuen Walzer, die für das "böse" Frauen-Kammerorchester am Tag darauf komponiert worden waren.

Der Orientierungspunkt für die gesamte Reihe - unter anderem noch mit Filmen von Fritz Lehner und Robert Schindel und einem Literaturmarathon (u. a. mit Friedrich Achleitner, Julian Schutting, Gerhard Rühm) - ist Sigmund Freud. Obwohl Freuds Modell für das Unterbewusste natürlich nicht Petersburg, sondern Rom war. Aber Wasser und Unbewusstes haben auch wieder miteinander zu tun, und beides macht dem Stadttext Petersburg zu schaffen.

Pilaster und Portale

Wer in Petersburg kein Träumer wird, muss schon fast ungesund gesund sein und die überwältigende Fliehkraft beim Gehen durch diese Wasser- und Architekturwege massiv verdrängen. Pilaster, Portale, Kolonnaden spiegeln sich noch einmal tausendfach im schwarzen Wasser der Newa. Und weil diese sich in Dutzende kleine Flussarme teilt, wird jener Effekt erzielt, den Joseph Brodsky in einem der schönsten Texte beschrieb: "Die Stadt wird gleichsam ständig von der Newa abgelichtet, und diese Film-Bilder ergießen sich in den Finnischen Meerbusen, der an einem sonnigen Tag wie ein Sammelbecken all der glitzernden Abbilder wirkt."
Als zweiten Teil lesen Sie morgen einen Gang durch St. Petersburgs Literatur und Gedenkorte.
Detailliertes Programm des Festivals: www.traumlandschaften.at

St. Petersburg war eine Vision, die viele künstlerische Visionen hervorbrachte. Auf für die Kulturpolitik wegweisende Art trägt nun auch Österreich mit Kompositions- und Schreibaufträgen zum 300-Jahre-Jubiläum bei.
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