Der Mann hinter der Maske

17. Oktober 2003, 19:44
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Mit Warren Beatty würdigt die "Viennale" einen der enigmatischsten Hollywoodstars

...einen Eigenbrötler, der immer wieder denkwürdige Projekte verfolgte, konsequent mit den besten Regisseuren arbeitete und seinen Ruf als ewiger Schönling beständig unterwanderte.


Berühmt, ein Publikumsmagnet sogar - aber nicht wirklich populär; eher mit Ruhm beladen und auch mit Kritikerlob überhäuft als mit wirklicher Gegenliebe: So beschreibt David Thomson jenen US-Schauspieler (und später: Regisseur), der - wie sonst vielleicht nur Robert Redford - in der heutigen Filmindustrie eine letzte vitale Verwurzelung im alten Prinzip Hollywood repräsentiert.

Man wird tatsächlich nicht schlau aus Warren Beatty, und was er an unbestreitbaren Glanzleistungen vollbracht hat, wird wohl auch deshalb immer wieder als Geschmackssache gehandelt, weil die maskenhafte Kälte, die der Mann ausstrahlt, ihm immer wieder ein Gutteil Antipathien eingehandelt hat. Darin ist er im Übrigen wohl so etwas wie der geistige Ziehvater von Tom Cruise, der sich ja in einem ähnlichen Bestreben wie einst Beatty - immer mit den besten Regisseuren an durchaus riskanten Stoffen arbeiten - imagemäßig bisweilen sehr im Wege steht.

Elia Kazan (Splendor in the Grass), Arthur Penn (Bonnie and Clyde, Mickey One), Robert Altman (McCabe and Mrs. Miller), Alan Pakula (The Parallax View), Barry Levinson (Bugsy): Die Reihe der sperrigen Kollaborateure Beattys ist ebenso Legende wie seine eklektische Wahl von Stoffen für eigene Regiearbeiten.

Radikale Kunstfigur

Mitten in Hollywood kaprizierte er sich auf die Verfilmung der Geschichte des linkslinken Journalisten John Reed im Russland des Umsturzjahres 1914 (Reds, 1981). Seine Comicsverfilmung Dick Tracy (1990) gehört zu den radikalsten des Genres - nicht zuletzt in einem opernhaften Spiel mit Masken, in dem bezeichnenderweise Beatty als seine eigene Hauptfigur gelassen die eigene Visage in die Kamera halten kann, um als Kunstfigur durchzugehen.

Das Prinzip der Verlarvung scheint ihn auch in Bulworth (1998) beschäftigt zu haben, wo er sich als aalglatter Senator quasi häutet und zum sozialkritischen Rapper mutiert. Und immer noch ist offen, was aus Beattys jahrzehntelang kolportiertem Bio-Pic über den Milliardär und Pionier Howard Hughes wird: Derzeit wird ja bekanntlich ein vergleichbares Projekt von Martin Scorsese (mit Leonardo Di Caprio) realisiert. Es passt jedenfalls zur Unberechenbarkeit des Stars, dass er eine Zeit lang als einer der Hauptdarsteller in Quentin Tarantinos neuem Film Kill Bill gehandelt wurde - aber das ging sich dann angeblich nicht aus, weil Beatty gerade nicht reisen wollte . . .

Bis kurz vor der Viennale, die ihm nun ein eigenes Tribute widmet, war auch nicht klar, ob er sich nicht vielleicht doch dazu durchringen würde, Wien zu besuchen. Unberechenbar genug wäre er, seine Frau Annette Benning in den Privatjet zu packen, vielleicht auch seinen besten Freund Jack Nicholson, um drüben in good old Europe einen draufzumachen. Aber, wie gesagt, bei Beatty wusste man nie, was da so lief: Bruder von Shirley MacLaine, Exlover von Madonna, angeblich extrem sexbesessen, heute aber treu sorgender Vater: Soll sich einer auskennen mit dem Mann. Als eine Art Kontrollfreak beschreibt ihn David Thomson, "und wenn er die Kontrolle einmal fahren lässt, dann wird's zumindest auf der Leinwand ein klein wenig psychotisch."

Siehe seine Wahnsinnsperformance in Bonnie and Clyde: Ungehobelte Macho-Schönheit, vermutlich impotent. Aber ein großes Herz. Eigentlich unsympathisch. Undurchschaubar. Hochinteressant. Eine (vergangene?) Welt für sich. (DER VIENNALE STANDARD, Printausgabe, 7. 10.2003)

Von Claus Philipp
  • Eine gute Gelegenheit, bei der Viennale auch gleich eine Hommage an US-Regisseur Elia Kazan zu feiern: Warren Beattys Filmdebüt "Spendor in the Grass" wurde von der Regielegende in Szene gesetzt.
    foto: warner

    Eine gute Gelegenheit, bei der Viennale auch gleich eine Hommage an US-Regisseur Elia Kazan zu feiern: Warren Beattys Filmdebüt "Spendor in the Grass" wurde von der Regielegende in Szene gesetzt.

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