Schrei nach Liebe: Einer wie keiner

6. Oktober 2003, 20:41
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Ein "Viennale"-Special für Vincent Gallo

Gäbe es diesen Mann nicht, man müsste ihn erfinden. Im gegenwärtig etwas berechenbaren und von klaren Rollenbildern definierten Kosmos des US-Kinos ist der Schauspieler, Regisseur und ansonsten noch mit weiteren Kunsthandwerken befasste Vincent Gallo ein weithin strahlender Trabant. Oder, weniger galaktisch formuliert: Exakt die Art von sonderlichem, mit einem leicht irren Grinsen begabtem Paradiesvogel, die wir alle brauchen, damit die ganze Angelegenheit weiterhin schillert, anstatt zwischen Produktionsbudgets und Einspielergebnissen lethargisch zu versacken.

Das sind nämlich genau die Dinge, die Vincent Gallo (abgesehen von seinem eigenen Marktwert) eher nicht interessieren. Manchmal macht er Musik oder posiert für Modeaufnahmen, mitunter hilft er Freunden und Bekannten beim Hausbauen, immer wieder gibt er exzentrische Interviews zur US-Politik. Oder: Bei den vergangenen Filmfestspielen in Cannes präsentierte er (im Wettbewerb!) seine - nach Buffalo 66 - bis dato zweite Regiearbeit (andere würden es fast als Home-Movie bezeichnen), The Brown Bunny: Darin sah man ihn, ihn und noch einmal ihn, wie er als abgehalfterter Motorradrennfahrer mit seinem Automobil durch die Staaten fährt, sich an Geschlechtsverkehr mit seiner Exfreundin erinnert und relativ verzweifelt Frauen aufzugabeln versucht.

Viele fanden den Film redundant, um nicht zu sagen: degoutant - oder zumindest unfreiwillig komisch: Gallo, durchaus selbstverliebt, sieht sich da etwa selbst minutenlang beim cool vor sich hin Starren zu. Eine Minute Pulloverwechsel im Sonnenuntergang: auch nicht schlecht. Alles in allem also doch wieder sehr einprägsam, so sehr, dass zum Beispiel die Viennale nicht darum herumkommt, Gallo ein Special zu widmen (darunter freilich findet man Juwelen wie Abel Ferraras The Funeral oder Claire Denis' Trouble Every Day).

Es ist sehr, sehr schade, dass Vincent Gallo es nun vorgezogen hat, trotzdem nicht nach Wien zu kommen. In Cannes offerierte er etwa Interviews nur, "wenn ich aufs Cover ihres Magazins komme", war aber auch ohne Coverfoto letztlich sehr amüsant. Und seine Selbstbekenntnisse sind der heuer haushoch beste Text im ganzen Viennale-Katalog:

"Ich wollte immer, dass mich jemand für immer liebt und ich wollte jemand mit Familienanhang sein; das ist alles, was ich jemals wollte: Freundin, Heirat, Kinder. Sehen Sie: Mein Leben ist missglückt." Hoffentlich glücken zumindest die nächsten Filme Vincent Gallos besser als The Brown Bunny. Das Zeug dazu hat er ja wirklich. (DER VIENNALE STANDARD, Printausgabe, 7. 10.2003)

Von Claus Philipp
  • Ein Glücksfall für die ganze Welt: US-Star Vincent Gallo.
    foto: viennale

    Ein Glücksfall für die ganze Welt: US-Star Vincent Gallo.

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