Das beste Kino der Welt . . .

20. Oktober 2003, 20:28
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Zur Urania- Nachtfilmreihe, gewidmet dem Werkstattkino in München

Das beste Kino der Welt - oder zumindest das wunderbarste Lichtspieltheater von Deutschland - dem Werkstattkino in München ist eine Nachtfilmreihe gewidmet.


Die Lage des Werkstattkinos sagt eigentlich schon alles: Mitten in München, fünf Fußminuten nur vom Filmmuseum, der offiziellen Kulturstätte, entfernt und doch ganz versteckt, ein wenig konspirativ anheimelnd, gelegen hinter der schönen Fraunhofer Kneipe, an der nichts groß auf das kleine Haus der kinematografischen Toleranz hinweist.

Das Werkstattkino mag mitten im Leben stehen, doch seine Macher wissen, dass das Leben widersprüchlich ist, widersinnig, gelegentlich widerlich, und meist in all dem erstaunlich und wunderbar. Und genau so - ganz Punk, ganz bayrische Anarchie, und Oskar Maria Graf lächelt im Himmel dazu - programmiert man im Werkstattkino:

Da sich das Filmmuseum schon um die Pflege des Hehren - das man nicht verschmäht, ganz im Gegenteil! - kümmert, kann man sich selbst mit dem Verbotenen, Verkannten, Verschollenen, oder oft auch bloß Verunglückten vergnügen. Für die Gefolgschaft des guten Films ist das Werkstattkino nix - für alle die, die das Kino lieben, in seiner Gesamtheit, als Haltung wie Praxis, für die ist das Werkstattkino etwas Rares: eine Heimat.

Das Viennale-Programm gibt nur einen Bruchteil dessen wieder, was das Werkstattkino zeigt: Die ganz scharfen Kanten fehlen bzw. sind nur symbolisch enthalten. Trash, derangierte Divertimenti für die Zeit vor dem Picheln und Pimpern bestimmen das Programm, was auch in Ordnung ist, schließlich geht's um eine Nachtschiene.

Da finden sich also haarsträubende Exerzitien wie Jürgen Goslars Apartheidsreißer Der flüsternde Tod/Albino (1975), realisiert als Koproduktion mit südafrikanischen Mitteln (und im Übrigen nicht die einzige deutsch-südafrikanische Koproduktion jener Jahre). Werke wie Rauni Mollbergs naturalistische Pastorale Maa on syntinen laulu/Die Erde ist unser sündiges Lied (1974), einer der großartigsten Filme, die man auf der V'03 zu sehen bekommt. Oder Kato Tais Meisterwerk des Yakuza-Films Otoko no kao wa rirekisho / A Man's Face Shows His Personal History (1966), dessen charismatischer Hauptdarsteller Ando Noboru ein echter Gangster war.

Es gibt auch noch: vollbrüstigen Trans-Sex (Let Me Die a Woman, Doris Wishman, 1979), italienische Wikinger (Gli Invasori/Die Rache der Wikinger, Mario Bava, 1961) sowie einen japanischen Monsterfilm, ohne den nachts eh nix geht (King Kong no gyakushu/King Kong, Frankensteins Sohn, Honda Ishiro, 1969) - insgesamt zwölf Pflichttermine, bei denen man sich von den Kinoanstrengungen des Tages erholen kann. (DER VIENNALE STANDARD, Printausgabe, 7. 10.2003)

Von Olaf Möller
  • Mitternächtliches Homöopathikum für müde Festival- besucher: "King Kong, Frankensteins Sohn".
    foto: viennale

    Mitternächtliches Homöopathikum für müde Festival- besucher: "King Kong, Frankensteins Sohn".

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