Kafkaeske Variationen in Reispapier

15. Jänner 2004, 09:11
posten

Vier bühnentauglich gemachte Erzählungen am Grazer Schauspielhaus

Der britisch-deutsche Regisseur Marc von Henning ist den Grazern für die Inszenierung von "Der Tod und das Mädchen II" im Vorjahr in guter Erinnerung. Nun kehrte er mit dem ästhetischen Versuch einer Bearbeitung der vier Erzählungen Der Hungerkünstler, Eine kaiserliche Botschaft, Eine kleine Frau und Josefine die Sängerin von Franz Kafka zurück.

Doch die fragilen, in sich hermetisch abgeschlossenen Biotope der kafkaesken Figuren - wie der sich am Trapez der Welt verweigernde Hungerkünstler oder die einsame Sängerin - lassen sich im eigentlichen Sinne nicht bearbeiten. Zumindest ist die Gefahr groß, dass jeder noch so filigrane Text-Meißel die darin hausenden Wesen bis zur Unkenntlichkeit zerkratzt. So macht es möglicherweise mehr Sinn, von den Assoziationen eines Kafka-Liebhabers zu sprechen, der sich bemüht, auch textlich an Kafkas Sprache heranzukommen, was bloß in der Bildsprache seiner Inszenierung gelingt.

Dick Bird packte die ruhig erzählten Psychogramme behutsam in Bühnenbilder, die sich wie Reispapier-Lampions schützend um ihre Insassen auftun. Im ersten Teil wird der vom Hungern besessene Künstler (Stefan Maasz) durch einen von ihm besessenen Professor (Gerhard Balluch) analysiert und im überdimensionalen Balgen einer historischen Plattenkamera dokumentiert. Die kleine Frau (die große, junge Schauspielerin Ninja Reichert) wartet im zweiten Teil zwischen den Textseiten auf den Boten.

Wer bei "Josefine" an Kafkas Bewunderung für eine Schauspielerin dachte, muss sich an den seltsamen Geist (Barbara Hammer) in der Loge gewöhnen, der erzählt, was Monique Schwitter als Sängerin erleidet. (cms/DER STANDARD, Printausgabe, 7. 10.2003)

Schauspielhaus Graz
0316/80 80
  • Spüren in Marc von Hennings Regie dem Kafkaesken nach: Ninja Reichert und Franz Solar
    foto: schauspielhaus graz/peter manninger

    Spüren in Marc von Hennings Regie dem Kafkaesken nach: Ninja Reichert und Franz Solar

Share if you care.