Exerzitien der Sehnsucht

13. Oktober 2003, 20:21
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Raoul Schrott im STANDARD-Interview - Der Autor von "Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Welt" erhielt am Montag den Förderungspreis für Literatur

In seinem jüngsten Roman, "Tristan da Cunha oder Die Hälfte der Welt", begibt sich Raoul Schrott auf die gleichnamige Insel, Ort der Utopie und karger Realität in einem. Am Montag erhielt er den Förderungspreis für Literatur. Ein Gespräch mit Cornelia Niedermeier.


Wien - Die Vulkaninsel Tristan da Cunha, einsam im Südatlantik gelegen zwischen Buenos Aires und Kapstadt, ist einer der wenigen Orte der Welt, der bis heute einen nahezu abgeschlossenen Mikrokosmos bildet: Nur einmal im Jahr steuert ein Postschiff die Ufer des Eilands an, auf dem sich rund zweihundert Bewohner zwei Kirchen und sieben Familiennamen teilen.

Raoul Schrott nähert sich in seinem jüngsten Roman dem Ort der Ferne schlechthin aus allen Himmelsrichtungen an: Vier höchst gegensätzliche Eigenbrötler - ein Priester, ein Briefmarkensammler, ein Kartograf und Funker sowie eine Naturwissenschafterin - entwerfen ein perspektivenreich gebrochenes Bild aus einander überlagernden ökonomischen, historischen, politischen Realitäten - und Projektionen der Sehnsucht.

STANDARD: Als Erzähler Ihres Romans "Tristan da Cunha" fungieren vier höchst unterschiedliche Stimmen.

Schrott: Ich habe mir im Kopf immer ein Quadrat vorgestellt. Die vier Figuren als Eckpunkte des Quadrats und die Insel in der Mitte, als Objekt der Begierde. Die Figuren sind einander ja so diametral entgegengesetzt, wie es nur sein kann. Das, was einen Briefmarkensammler von einem Funker trennt, sind Welten.

STANDARD: Dennoch haben sie eine Gemeinsamkeit.

Schrott: Das, was die Figuren verbindet - ob der Pfarrer betet und damit ins Leere spricht und sich eine Antwort erhofft, ob der Funker ins Leere funkt und nicht weiß, ob seine Botschaft gehört wird, ob der Kartograf versucht, die Insel in allen Details abzubilden und weiß, dass sie nicht abbildbar ist -, sind die Exerzitien der Sehnsucht, diese Gestik des Verlangens.

STANDARD: Sehnsucht als ein Gestus der Annäherung.

Schrott: Es hat mit dem Zeigen zu tun. Damit, dass ich mit dem Zeigefinger versuche, etwas zu berühren, das sich mir entzieht. Das verborgen ist und das ich nie ganz in die Hand bekomme. Das Reden über die Dinge ist ja auch nur ein Zeigen auf etwas. Jedes Wort zeigt nur auf ein Ding. Und so ist jede Form von Nachdenken über die Welt - wie die Sehnsucht - eine Geste der Projektion.

STANDARD: Die Insel als klassisches Sehnsuchtsmotiv.

Schrott: Alle Inseln liegen ja immer ganz weit entfernt, und man glaubt, ein Paradies zu finden. Gleichzeitig ist der Name Tristan da Cunha etwas, das allein vom Lautmalerischen an so klangvolle Namen wie Timbuktu oder El Dorado erinnert. Es sind diese Assoziationen, die wachgerufen werden, weil sie immer an glückselige Inseln erinnern, immer an eine Art von Atlantis, ein Paradies, das jenseits des Horizonts liegt, außerhalb von Zeit und Raum, aber doch noch ein Teil von dieser Welt ist. Man glaubt, dass man da an einen Ort kommt, der etwas Paradiesisches in sich geborgen hat, etwas Ursprüngliches, eine Art Heilsvorstellung, eine Mitte der Welt. - Und wenn man mal in Timbuktu war, ist man ganz enttäuscht, weil da nur ein paar Lehmhäuser stehen im Sand.

STANDARD: Und auch Tristan da Cunha ist in der Kargheit des Lebens, der Nahrung, die im Wesentlichen aus Kartoffeln und Fisch besteht, ja alles andere als ein Paradies. Utopie und Anti-Utopie zugleich.

Schrott: Beim Schreiben ging es mir genau um diese Thematik: dass das Fremde und Lockende, so faszinierend es ist, gleichzeitig immer ein haltloses Konstrukt bleibt, eine Art von Idealisierung von Wirklichkeit, die anders ist. Und dieses Andere dann darzustellen, die Wirklichkeit, dass diese Insel äußerst unwirtlich ist, fordernd, regnerisch, mit mürrischen Menschen, die Banalität des Alltags, ist die komplementäre Seite zu den Gesten der Sehnsucht - und die Hälfte des Buches beschäftigt sich damit zu zeigen, dass ein Vulkan aus Lava besteht, aus Erde und Dreck. Dass das Errichten einer Kirche ein Graben ist im Schlamm. Es ist eine Existenz, die nach Schönheit sucht, aber immer wieder mit der Nase in den Dreck gestoßen wird.

STANDARD: Ihr Schreiben ist ein Spiel mit dem Verwischen der Grenzen von Fiktion und Nichtfiktion. Der Leser kann nicht nachprüfen, welche Informationen über Tristan da Cunha Sie erfunden haben, welche nicht.

Schrott: Ich kann Sie beruhigen: All das, was zitiert wird an Fakten im Buch, ist wahr. Der Gesellschaftsvertrag des William Glass ebenso wie die Erklärung des Lambert, der sich zum König der Insel erklärt.

STANDARD: Wirklichkeitssättigung als Programm?

Schrott: Das ist für mich beim Schreiben von Prosa eine große Herausforderung, weil ja das Fiktive eine große Falle ist. Fiktion simplifiziert das Faktische und verbindet es symbolisch so, dass im Buch alles mit allem eine Ehe eingeht, alles mit allem verbunden werden kann, alles mit allem zusammenstimmt. Das ist dann das Vergnügen, das wir daran haben, ein Buch zu lesen, weil wir in ein Universum eintauchen, wo alles letztlich Sinn macht - und selbst wenn postuliert wird, dass es sinnlos ist, kann man schön feststellen, woher diese Sinnlosigkeit kommt und an welchen Orten - und Worten - sie festgemacht wird. Aber die Welt ist komplexer und unzugänglicher, als sie uns in diesen Geschichten geschildert wird. Das heißt, die Geschichten, die uns einfallen, die wir uns selbst ausdenken können, sind immer viel einfacher als das reale Leben.

STANDARD: Daher konfrontieren Sie die unterschiedlichsten und unzusammenhängenden Informationen und Blickwinkel über einen Ort anstatt einer einheitlichen Geschichte?

Schrott: Die Aufgabe war immer, vom Faktischen auszugehen, daraus einen Sinn im Rahmen eines Buches zu konstruieren, zu vereinfachen, zu selektieren, aber das Faktische nie zu verraten. Mir geht es beim Schreiben von Prosa in einem großen Maß um Authentizität. Daher gibt es die Sprache der Seefahrt, wenn ich mit Schiffen zu tun habe. Das ist die Sprache, an der ich mich messen muss. Dazu gehört aber auch, den Figuren ihre Eigenart zu belassen. Also einem obsessiven Briefmarkensammler das Vokabular zu geben, die Denkweise, die solch ein Sammler besitzt. Alle diese Dinge charakterisieren ja nicht nur Figuren, sondern eröffnen auch einen anderen Blick auf die Welt. Man kann durch die Augen eines Briefmarkensammlers, einer Naturwissenschafterin Aspekte der Welt entdecken, die einem bisher entgangen sind. (DER STANDARD, Printausgabe, 7. 10.2003)

Zur Person

Raoul Schrott wurde am 17. Jänner 1964 in Sao Paulo geboren und wuchs in Tunis, Zürich und Landeck/Tirol auf. In Norwich, Paris, Berlin und Innsbruck studierte er Literatur- und Sprachwissenschaft, promovierte und habilitierte sich in Innsbruck und lebt heute als freier Autor in Irland. In seinen zahlreichen Lyrik-und Prosaarbeiten wendet er sich den vergessenen, entlegensten Orten und Zeitepochen der Erde zu, so etwa in Die Erfindung der Poesie. Gedichte aus vier Jahrtausenden, der Novelle Die Wüste Lop Nor, der Erzählung und dem Essay Khamsin. Die Namen der Wüste. (cia)

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    Schreiben als Geste der Sehnsucht, als ein seines notwendigen Scheiterns bewusster Versuch der Sinnstiftung in einer sinnlosen Welt: der Autor Raoul Schrott

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