Trugbild freier Uni-Zugang

15. Oktober 2003, 17:54
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Broukals Vorschlag könnte bald aktuell werden - von Martina Salomon

Ausgerechnet ein SPÖ-Politiker - Josef Broukal - stellt den freien Hochschulzugang in Frage und rührt damit an einem heimischen Tabu. Sollen überlaufene Studienrichtungen ihre Hörerzahlen limitieren dürfen? Ein Wunsch, den Rektoren in den letzten Jahrzehnten wiederholt geäußert haben. Zuletzt die Wiener Medizinfakultät - neuerdings eigenständige Uni -, was vom Bildungsressort übrigens untersagt wurde.

Ja, es gibt - abgesehen von den Studiengebühren - in Österreich einen freien Hochschulzugang. Zumindest theoretisch. Hürdenfrei ist der Zugang nämlich gar nicht. Beispiel Medizin: Die Latte für Prüfungen am Ende des ersten Abschnitts wurde mittlerweile ziemlich hoch gelegt. Und dann gibt es noch diverse universitäre Hemmnisse, einen Mix aus Geldmangel, Bürokratie und Schlamperei, die Studenten zu überwinden haben. Das alles ist immer noch besser als ein Numerus clausus, wie er in Deutschland herrscht. Denn wo steht geschrieben, dass gute Schulnoten Voraussetzung für einen hervorragenden Arzt sind?

Doch die fragile Balance eines zumindest vordergründig freien Hochschulzugangs könnte schon bald zusammenbrechen: einerseits durch die EU-Erweiterung (Studierende aus Bratislava müssten wegen der Nähe nicht einmal eine Wohnung in Wien suchen), andererseits durch ein erwartbares EuGH- Urteil. Demnach wird es wohl nicht mehr zulässig sein, dass (deutsche) Studenten daheim einen Studienplatz nachweisen müssen, um an einer österreichischen Uni zu inskribieren.

Daher könnte der von Broukal vorgebrachte - oppositionstaktisch nicht besonders kluge - Vorschlag bald aktuell werden. Vielleicht stellt sich die Bildungspolitik dann aber auch endlich ehrliche Fragen. Zum Beispiel: Wie viele Studenten kann/soll man pro Fach qualitativ hochwertig ausbilden? Und was kostet das? (DER STANDARD, Printausgabe, 7.10.2003)

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