Hirnschmalz statt Almosen für die Dritte Welt

26. Oktober 2003, 14:27
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Hochtechnologietransfer, nachhaltige Entwicklung und um umweltfreundliche Innovationen

Noch vor der Vergabe der Olympischen Spiele 2008 sprühten Mitarbeiter des chinesischen Olympischen Komitees grüne Farbe auf den vertrockneten Rasen entlang jener Straßen, die von Kontrolloren des IOC passiert wurden. Als Peking dann den Zuschlag erhielt, gingen die Chinesen daran, ihre Ankündigung von den "Green Olympics" wirklich ernst zu nehmen: Die Organisatoren der Spiele schickten ein Fax an das ICS in Triest. Das Begehr in Peking: Wir brauchen technische Hilfe, damit die anfallenden Müllberge die "Green Olympics" nicht zur Lachnummer werden lassen.

Know-how für Plastik und dessen bilogischen Abbau

Diese Hilfe kann das International Center for Science and High Technology (ICS) in der Tat leisten. Das Unido-Forschungszentrum ist auf Technologietransfer in Schwellen- und Entwicklungsländer spezialisiert. Einer der Forschungsschwerpunkte liegt im Bereich zersetzbarer Materialien aus Plastik. "Wir können den Chinesen das Know-how für selbstabbauendes Plastik bieten. In einer ersten Phase für die bloße Zersetzung, in einer zweiten Phase für den vollständigen biologischen Abbau", erklärt Stanislav Miertus, der Leiter der Abteilung für angewandte Chemie im ICS.

Die Technologie sei nicht bloß für China, mit 18 Millionen Tonnen weltweit größter Verbraucher von Kunststoffen pro Jahr, anwendbar: Plastik, etwa für Essensbehältnisse, werde im gesamten asiatischen Raum zunehmend mehr benutzt. Es gebe bereits konkrete Pläne, verrottende Verbindungen auch in Indonesien einzusetzen, so Bereichsleiter Miertus.

Hochtechnologietransfer und umweltfreundliche Innovationen

Das Projekt mit China löst für Luisa Mestroni, Medizinerin mit Schwerpunkt Biomedizin und seit September Präsidentin des ICS, beispielhaft die Ansprüche der Triestiner Unido-Stelle ein: "Dabei geht es um Hochtechnologietransfer, um nachhaltige Entwicklung und um umweltfreundliche Innovationen." Anders als etwa die Förderung der UNO für Weltraumprogramme von Entwicklungsländern gehe es dem ICS da^rum, nationale Forschungseinrichtungen sowie kleinere und mittlere Betriebe zu erreichen. Zum großen Teil entwickle man Technologien auch auf Wunsch von Staaten oder Organisationen. Das strahle mehr und nachhaltiger aus. Mestroni: "Wir bauen keine Fabriken, wir bauen Fähigkeiten. Und wir wollen, dass diese auch in den Entwicklungsländern bleiben und genutzt werden."

Computerverbindung für Portotypen aus Europa

Das ICS lädt zudem Stipendiaten zu Forschungsaufenthalten nach Triest ein. Sie haben die Möglichkeit, in einem der vier Felder des Instituts zu arbeiten. Derzeit erstellen Wissenschafter aus Indien etwa Verfahren zur industriellen Nutzung medizinischer und aromatischer Pflanzen. Es gibt pharmakologische Studien über Generika etwa für die Aidstherapie und es werden Computerprogramme zur umweltverträglichen Industrieanlagenansiedelung entwickelt. Rund um das Mittelmeer läuft ein ICS-Programm, das sich mit Abwässerbehandlung in der Olivenölherstellung beschäftigt. Dabei kam unter anderem heraus, dass die Olivenmaische, die von den Bauern als Dünger auf die Felder ausgebracht wird, hochtoxisch ist.

Besonders stolz ist man in Triest auch auf ein System, das es Unternehmen aus Entwicklungsländern erlaubt, über Computerverbindung Produktprototypen in Europa herstellen und testen zu lassen – das bringt den Firmen einen enormen Zeitgewinn, spart Geld und hebt Produkte um ein Vielfaches einfacher auf Standards der entwickelten Welt.

Und dann ist da noch der "Trümmerfresser". Das von einem norditalienischen Tüftler erfundene Gerät ist alles andere als Hochtechnologie, schaut aus wie eine Schottermühle, kann aber aus Trümmern und Bauschutt in einem Arbeitsgang Ziegel herstellen. Die Republik Italien, der Hauptsponsor des Vier-Millionen-Euro-Budget des ICS, überlegt, diese Maschine in Afghanistan und Palästina einzusetzen. "Wenn es dort auch noch so wenige Rohstoffe gibt – was die Menschen zur Genüge haben, sind Trümmer. Das ist immerhin ein Anfang", so Eugenio D'Auria vom italienischen Außenministerium.

(DER STANDARD, Printausgabe, 07. 10. 2003)

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