"Gute Händler allein genügen nicht"

26. Oktober 2003, 14:27
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Unido-Generaldirektor Carlos Magariños im STANDARD-Interview über die Gründe des Scheiterns von Cancún

Jenseits von Notprogrammen und herkömmlicher Entwicklungshilfe wird Hochtechnologie zusehends ein nachgefragtes Gut in Entwicklungsländern. Christoph Prantner besuchte eine Denkwerkstatt der Unido in Triest.
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der Standard: Sie sind unlängst aus Cancún zurückgekommen. Warum ist die WTO-Konferenz Ihrer Meinung nach gescheitert?

Carlos Magariños: Man muss die Geschehnisse in eine historische Perspektive setzen. Bei früheren WTO-Runden haben sich weniger und vor allem entwickelte Staaten beteiligt. Das erste Mal haben Entwicklungsländer in der Uruguay-Runde voll teilgenommen. Die Ergebnisse dieser Runde wurden in acht Jahren von den Entwicklungsländern implementiert, weil es dabei um Themen auch nationalen Interesses ging. Die Staaten wollten Kredite von Weltbank und Währungsfonds erhalten.

Die Doha-Runde jetzt ist etwas zu ehrgeizig angelegt, man will alles bis 2005 unter Dach und Fach haben. Die Spannungen sind diesmal aus den verschiedenen Produktionsmustern und technologischen Möglichkeiten der entwickelten Staaten und der Entwicklungsländer entstanden. Man kann also nicht sagen, es sei an der Landwirtschaft gescheitert oder an den Singapur Issues (Regelungen u.a. zur Schaffung von Rechtssicherheit für Investoren, Anm.). Die Entwicklungsländer haben vor allem nicht gesehen, wie ihre Ökonomien durch die Liberalisierung an Produktivität gewonnen hätten. Die Lektion aus Cancún ist: Wenn wir ein multilaterales Handelssystem haben wollen, müssen wir die unterschiedlichen Produktivitätslevels und technologischen Ausstattungen der teilnehmenden Staaten darin berücksichtigen.

Standard: Was bedeuten die Handelsgespräche für die Arbeit der Unido?

Magariños: Wenn wir über Handelsströme sprechen, sprechen wir auch über Investitionsströme. Ohne Handel gibt es keine Industrialisierung armer Staaten. Wir haben in Cancún ein Abkommen mit der WTO geschlossen, das Entwicklungsländern Marktzugang geben und vor allem Handelskapazitäten schaffen soll. Alle bisherigen Übereinkünfte, wie etwa Cotonou, haben nicht die gewünschten Ergebnisse gebracht. Der Handel zwischen Entwicklungsländern und reichen Staaten hat nicht substanziell zugenommen, weil es nichts zu handeln gab, das den Standards der entwickelten Welt entsprochen hätte. Die Unido hat immer darauf hingewiesen, dass es nicht genügt, gute Händler zu haben, sondern es auch guter Produkte bedarf. Darauf zielt das Abkommen mit der WTO ab.

Standard: Apropos Standards: Das ist einer der Schwerpunkte im ICS in Triest.

Magariños: Wir müssen den Hochtechnologietransfer forcieren, um auch die Handelsströme zu forcieren. Das Zentrum in Triest macht hier gute Arbeit, besonders im Bereich der Biotechnologie. Das wird auch eines der Kernthemen der Unido-Generalkonferenz im Dezember in Wien sein. Daneben wird es um Energiefragen gehen und um saubere Industrieproduktion, ein Feld, in dem Österreich als starker Financier und Partner auftritt. Die Konferenz wird das erste internationale Diskussionsforum nach der WTO-Runde in Cancún sein. Da gibt es einiges zu besprechen. (DER STANDARD, Printausgabe, 07. 10. 2003)

Die Unido: Die United Nations Industrial Development Organization (Unido) wurde 1966 gegründet. Sie ist als globales Forum und Agentur für technische Kooperation zur Industrialisierung der Entwicklungsländer gedacht. Mit dem Ruf der Organisation stand es lange nicht zum Besten. Wegen eklatanter Misswirtschaft kam es Mitte der 90er-Jahre zu Austritten. Trotz einer Redimensionierung bei Projekten und Personal (die Mitarbeiterzahl wurde auf rund 600 halbiert) sind etwa die USA bis heute nicht in den Kreis der derzeit 169 Mitgliedsstaaten zurückgekehrt. 2002/03 stehen der Unido 133,7 Mio. Euro an Budget zur Verfügung, Projekte im Wert von 400 Mio. Euro werden kofinanziert. Die USA schulden der Unido 70 Mio. Dollar.
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    Steile Karriere - Carlos Alfredo Magariños (41) ist seit 1997 Generaldirektor der Unido. Der Argentinier war zuvor Staatssekretär für Industrie und Direktor für Außenhandel in Buenos Aires sowie Handelsdelegierter seines Landes in Washington. Dem Betriebswirt fiel es zu, die marode UN-Organisation zu reformieren. 2001 wurde er für weitere vier Jahre in seinem Amt bestätigt. Aus dieser Zeit stammen Korruptionsgerüchte und eine Anzeige: Magariños soll eine Mio. Dollar der Unido veruntreut haben, damit sei seine Wiederwahl gesichert worden. Er verweist auf die unabhängige Prüfung der Vorwürfe durch deutsche und südafrikanische Behörden, die nichts Belastendes ergeben hätte. 2005 will er in die argentinische Politik zurückkehren.

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