Putins Mann in Tschetschenien

9. Oktober 2003, 13:56
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Achmad Kadyrow gewann mit Moskaus Hilfe die tschetschenische Präsidentschaftswahl

Grosny - Sein Sieg war schon lange vor der Wahl am Sonntag beschlossene Sache. Wie erwartet, wurde Achmad Kadyrow am Montag zum offiziellen Gewinner der Präsidentschaftswahl in Tschetschenien erklärt. Eine Überraschung wäre indes, wenn ausgerechnet dem 52-Jährigen die Beendigung des Tschetschenien-Konfliktes gelänge.

Der Chef der von Russland eingesetzten Verwaltung in der seit einem Jahrzehnt von einem blutigen Bürgerkrieg erschütterten Kaukasusrepublik gilt als Regent Russlands, nicht als Mann seines Volkes. Größter Rückhalt Kadyrows ist neben der Zentralregierung in Moskau seine berüchtigte Milizengruppe. Von ihren Landsleuten werden die "Kadyrowskis" wegen ihrer brutalen Übergriffe mehr gefürchtet als die russischen Besatzer.

Einst einer der mächtigsten Widersacher Moskaus

Noch vor zehn Jahren war der Kreml-treue Politiker einer der mächtigsten Widersacher Moskaus in Tschetschenien. Als Mufti kämpfte er in der ersten Phase des Konfliktes von 1994 bis 1996 an der Seite des tschetschenischen Präsidenten Dschochar Dudajew. Nach dessen Tod unterstützte der islamische Rechtsgelehrte auch den zweiten von Russland nicht anerkannten Präsidenten Aslan Maschadow.

Seitenwechsel

Die Partnerschaft währte nicht lange: Kadyrow schlug sich zu Beginn des zweiten russischen Einmarschs im Oktober 1999 auf die Seite Moskaus. Maschadow, der seitdem im Untergrund gegen die russische Armee kämpft, warf er vor, islamischen Extremisten an der Seite der Untergrundkämpfer nicht Einhalt geboten zu haben.

Moskaus Belohnung

Der Lohn Moskaus ließ nicht auf sich warten: Kritiker werfen Russland vor, die angeblich freien Wahlen zu Gunsten des bullig wirkenden Tschetschenen beeinflusst zu haben. Nach und nach schieden alle übrigen aussichtsreichen Bewerber auf das Amt aus dem Rennen aus. Der Millionär Malik Saidullajew wurde gerichtlich von einer Teilnahme ausgeschlossen wegen angeblichen Wahlbetrugs. Weitere Anwärter zogen ihre Kandidatur selbst zurück.

Moskau baut auf Kadyrows militärische Stärke

Moskau verknüpft mit dem bei seinen Landsleuten unbeliebten Politiker wohl nicht die Hoffnung eine friedliche Lösung des Konfliktes. Wenn man russischen Regierungsmitarbeitern Glauben schenken darf, baut die russische Regierung vor allem auf die militärische Stärke Kadyrows: "Das Ziel des Kreml ist es, einen Mann zu legitimieren, dessen Milizen den Kampf gegen die Rebellen übernehmen sollen."

Die Miliz Kadyrows

Mindestens 3000 Milizionäre - nach Schätzungen von Menschenrechtlern sind es inzwischen sogar 10.000 - befehligt Kadyrow. Den schwer bewaffneten Kämpfern werden zahlreiche Entführungen und Morde sowie Korruption und illegaler Ölhandel zur Last gelegt. Zwar kündigte der Wahlsieger eine Untersuchung der Gewaltverbrechen in der Kaukasusrepublik an, doch dürfte er seine eigenen Männer kaum vor Gericht bringen. Ihnen schließlich verdankt er sein Überleben. Nur von dutzenden Leibwächtern bewacht wagt sich Kadyrow aus seinem festungsartigen Anwesen in Tsentoroi im Südosten des Landes. Die Vorsicht ist begründet, wie mehrere Attentatsversuche bewiesen.

Die fehlende Popularität des künftigen tschetschenischen Präsidenten kommt Russland entgegen, ist sich der russische Journalist Konstantin Kasenin sicher: So sei auszuschließen, dass aus Kadyrow ein zweiter Dudajew werde - von seinem Volk "geliebt" und von Moskau "nicht zu kontrollieren." (APA)

  • Vom Widersacher Moskaus zum Statthalter in Tschetschenien: Achmad Kadyrow ist neuer Präsident der russischen Teilrepublik.
    foto: epa/sergei chirikov

    Vom Widersacher Moskaus zum Statthalter in Tschetschenien: Achmad Kadyrow ist neuer Präsident der russischen Teilrepublik.

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