Pressestimmen: "Sharon auf der Flucht nach vorn"

7. Oktober 2003, 11:42
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Anschlag in Haifa öffnet kaum verheilte Wunde des Oktoberkriegs

Madrid - Zur Zuspitzung der Lage im Nahost-Konflikt schreibt die spanische Zeitung "El Mundo" (Madrid) am Montag: "Der israelische Angriff auf Syrien hat nur wenig Schäden verursacht. Dies beweist, dass die Aktion vor allem für die Galerie der israelischen Öffentlichkeit bestimmt war. In Israel nimmt die Kritik an Ministerpräsident Ariel Sharon zu, weil die Regierung nicht in der Lage ist, die palästinensische Gewalt zu stoppen. Die Attacke auf Syrien bedeutet zugleich eine Flucht nach vorn. Sharon internationalisiert den Konflikt auf provokative Weise. Er will die Aufmerksamkeit auf Syrien und Iran lenken. Damit will er die Schuld für das Scheitern seiner Politik anderen zuschieben."

Die konservative französische Tageszeitung "Le Figaro" (Paris) setzt sich am Montag mit den Motiven Israels für den Luftangriff in Syrien auseinander: "Indem er das Gefecht nach Syrien verlagert hat - sehr symbolisch zum 30. Jahrestag des Yom-Kippur-Krieges -, ist (der israelische Ministerpräsident) Ariel Sharon auf einer Linie mit seinem amerikanischen Verbündeten. Für Sharon hat der Luftangriff in Syrien noch einen anderen Vorteil. Er lenkt die Aufmerksamkeit vom israelisch-palästinensischen Konflikt ab, der festgefahren ist und bei dem keine diplomatische Perspektive zu erkennen ist. Man muss befürchten, dass die militärische Antwort durch die Luftwaffe nur eine weitere Etappe einer Entwicklung im Nahen Osten ist, bei der sich keiner mehr gegen die Eskalation der Gewalt stemmt."

Zur Lage im Nahen Osten schreibt der liberale britische "Guardian" am Montag: "Der Angriff auf Zivilisten in Haifa war ein infamer Akt. Es gibt dafür keine Rechtfertigung. Aber Israels Antwort ist ebenso ungerechtfertigt. Der Luftangriff auf Syrien war typisch für die brutale Politik von Ministerpräsident Ariel Sharon. Damit hat er sich das internationale Mitgefühl weiter verscherzt. Sharon hat eine besondere Gabe dafür, Israel als den Buhmann dastehen zu lassen. Was US-Präsident George W. Bush angeht, so muss sich dieser erneut den Kopf über die Situation zerbrechen - und zwar schnell. Der amerikanische Druck auf Syrien und den Iran war in letzter Zeit sehr intensiv. Damit wurde Sharon nicht etwa gebändigt, sondern eher noch in seiner Rücksichtslosigkeit ermutigt. Vor uns haben wir nicht die Vision eines friedlichen, transformierten Nahen Ostens. Es ist die Vision der Hölle - täglich ein neues Haifa."

Zur israelischen Reaktion auf den Anschlag in Haifa meint die niederländische sozialdemokratisch orientierte "Volkskrant" am Montag: "Noch immer ist auf höchstem politischen Niveau der Ruf nach Ausweisung des Palästinenserführers Yasser Arafat zu hören. Möglicherweise wollte Ministerpräsident Ariel Sharon gerade dies vermeiden. (...) Mit dem Angriff auf Syrien kann das israelische Kabinett gehofft haben, die Aufmerksamkeit von Arafat abzulenken. Zudem kann sich Sharon nun darauf berufen, auf den Anschlag von Haifa hart reagiert zu haben. Wenn das aber wirklich hinter dieser Aktion steckt, dann erhebt sich allerdings die Frage, auf welchen Husarenstreich die israelische Regierung bei künftigen Anschlägen zurückgreifen will. Wenn der Angriff auf Syrien wegen der Situation um Arafat gewählt wurde, erscheint dies als riskante regionale Strategie als Antwort auf ein vor allem inländisches politisches Problem."

Zum jüngsten Selbstmordanschlag in Israel meint das niederländische unabhängige "Algemeen Dagblad" am Montag: "Der Anschlag in Haifa öffnet wieder die kaum verheilte Wunde des Oktoberkrieges und konfrontiert die Menschen gnadenlos mit den noch nicht verarbeiteten schmerzvollen Erinnerungen aus dem Jahr 1973. Dass es Israel trotz seiner übermächtigen Armee und trotz aller modernen Waffen nicht schafft, einen primitiv ausgerüsteten Feind entscheidend zu schlagen, bringt das Land an den Rand der Verzweiflung. Es steht Auge in Auge mit den existenziellen Ängsten, die ein unabhängiger jüdischer Staat nach dem Holocaust gerade beseitigen sollte (...) Die Spirale der Gewalt geht weiter, ohne dass ein Ende in Sicht kommt - allen Gebeten am großen Versöhnungsfest (Yom Kippur) zum Trotz." (APA/dpa)

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