Überstundenboykott stößt bei Lokführern auf geteiltes Echo

6. Oktober 2003, 20:41
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Beschäftigte über Ausmaß der Beteiligung an Protestmaßnahmen unsicher - Gewerkschaft plant für heute noch keine Info-Aktionen für Reisende

Wien - Wer es nicht weiß, erfährt auch am Wiener Südbahnhof nicht, dass der Überstundenboykott der Eisenbahnergewerkschaft (GdE) heute begonnen hat. Die Züge fahren nach Plan. Plakate, die über die österreichweiten Proteste gegen die ÖBB-Reform informieren, sucht man vergeblich. Wenigstens heute seien keine Info-Aktionen für Bahn-Kunden geplant, sagte GdE-Pressesprecher Walter Kratzer.

Wie lange die Reisenden noch von verspäteten Zügen durch den Überstundenboykott verschont bleiben werden, hängt vor allem von den Lokführern und Zugbegleitern ab. Die GdE wirbt unter ihnen seit Ende August dafür, dass diese den Gewerkschafts-Kurs unterstützen und mit Protestbeginn "Dienst nach Vorschrift" fahren. "Die von der Regierung geplanten Einschnitte beim Dienstrecht gehen an die Substanz", begründet Kratzer, warum er mit einer regen Beteiligung rechnet.

Geteiltes Echo

Bei den Eisenbahnern am Südbahnhof stößt der lancierte Überstundenboykott auf ein geteiltes Echo. "Ich fahre meinen normalen Dienstplan und nix zusätzlich", sagt ein Lokführer, der seit 21 Jahren bei der ÖBB arbeitet. Die bis zu 30 Überstunden pro Monat will auch ein Kollege verweigern: "Sie bringen zwar Geld, aber das Privatleben geht dabei drauf." Im vergangenen Monat sei er zwanzig Tage hintereinander gefahren.

Die Einstellung seiner beiden Kollegen hält ein 42-jähriger ÖBBler für eine Ausnahme. "Ich glaube, dass die wenigsten von uns sich an den Protesten beteiligen," so der Eindruck des Lokführers. Er halte nichts von dem Vorgehen der Gewerkschaft: "Der Überstundenboykott wird auf dem Rücken der Reisenden ausgetragen." Diese zahlten viel Geld für ihre Zugfahrten und hätten daher einen Anspruch darauf, dass die Bahn pünktlich fährt.

Gegen Monatsende wird´s brenzlig

Bis zum Monatsende müssen sich die Passagiere darüber laut ÖBB keine Sorgen machen. Erst dann ist die Normalarbeitszeit der Eisenbahner geleistet - und Überstunden für Lokführer und Zugbegleiter stehen an. (APA)

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