Behandlung gemäß NS-"Rassenhierarchie"

10. Oktober 2003, 08:58
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Neues Buch über das Schicksal britischer Kriegsgefangener in der Steiermark

Graz - Die Spuren britischer Kriegsgefangener in der Steiermark in der Zeit des Zweiten Weltkrieges verfolgt die Grazer Historikerin Edith Petschnigg. Darin beleuchtet die Mitarbeiterin des Grazer Ludwig-Boltztmann-Institut für Kriegsfolgenforschung exemplarisch den Einsatz unzähliger Soldaten aus den Ländern des British Commonwealth in der Land- und Forstwirtschaft sowie in Betrieben der gewerblichen Wirtschaft der "Grünen Mark" in den Jahren 1941 bis 1945. Das Buch wurde am Montag in Graz vorgestellt.

Von Berichten der Schwerarbeit und einem "ewigen Einerlei mit Hacke und Schaufel" bis hin zu erstaunlich angenehmen Erinnerungen, die in der Aussage "Es war ein einzigartiges Abenteuer und es hat mir Spaß gemacht", reichen die Schilderungen der ehemaligen Britischen Kriegsgefangenen, die Petschnigg in den vergangenen beiden Jahren im Rahmen ihrer Studie kontaktiert hat. Zusätzlich hat die Autorin in den Dokumentenspeichern des Imperial War Museum in London, und des Public Record Office des britischen Nationalarchivs und des Steiermärkischen Landesarchives recherchiert und in der rund 300 Seiten umfassenden Publikation des Ludwig-Boltzmann-Institutes zusammengefasst.

Zahlen und Fakten

Mit Jänner 1945 fanden sich rund 170.000 Briten und Angehörige des Commonwealth in deutschem Gewahrsam. Auf dem Gebiet der damaligen Alpen- und Donaureichsgaue wiederum war der Großteil innerhalb der Steiermark und Kärnten inhaftiert. Zeitgleich befanden sich an die 10.000 britischen Soldaten in diesem Gebiet in Kriegsgefangenschaft. Die höchsten Zahlen an britischen Arbeitskommandos wiesen wiederum Graz und Umgebung sowie die Bezirke Feldbach und Liezen mit je 20 Kommandos auf.

Die Briten seien im Regelfall gemäß den Bestimmungen der Genfer Konvention behandelt worden, wenngleich es auch Übertretungen gegeben hat, resümiert die Autorin. Der entscheidende Grund für eine generell mildere Behandlung britischer Gefangener sei die nationalsozialistische Rassenhierarchie gewesen. "Die Spitze der 'rassischen' Gefangenenhierarchie im 'Dritten Reich' bildeten die Briten und Amerikaner, während Kriegsgefangene aus der Sowjetunion die unterste Stelle einnahmen", so Petschnigg.

Strategische Hintergedanken

Entscheidend für die Besserstellung sei Hitlers Hoffnung auf ein Einlenken Großbritanniens gewesen, zum anderen seien im Falle einer schlechten Behandlung der Briten Repressalien gegenüber deutschen Kriegsgefangenen in britischer Hand befürchtet worden. Der Einsatz in landwirtschaftlichen Betrieben wurde generell als "weitaus erträglicher" als der Einsatz in der gewerblichen Wirtschaft geschildert, so Petschnigg

Die privilegierte Stellung zeigte sich beispielsweise, als das Oberkommando der Wehrmacht (dem gemeinsam mit dem Oberkommando des Heeres die Leitung des Kriegsgefangenenwesens zugeordnet war), im März 1944 verfügte, alle auf der Flucht aufgegriffenen Gefangenen in das KZ-Mauthausen zur Exekution einzuweisen - mit Ausnahme der Briten und Amerikaner. (APA)

Edith Petschnigg: "Von der Front aufs Feld - Britische Gefangene in der Steiermark 1941 - 1945,
Band 7 der Veröffentlichungen des Ludwig Boltzmann-Instituts für Kriegsfolgenforschung, Graz 2003, 306 Seiten

ISBN 3-901661-09-3, 19,90 Euro
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