Mann hielt mit Bombendrohung Bus in seiner Gewalt

7. Oktober 2003, 13:24
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Knapp zwei Stunden hielt ein 46-Jähriger in Wien einen Linienbus gekapert - Das Motiv ist noch unklar: Angeblich wollte er vor der Mafia flüchten

Wien - Die Maronifrau ließ sich am wenigsten von der Aufregung am Busbahnhof Südtirolerplatz anstecken. Während rings um sie Polizisten in voller Montur ausschwärmten und Absperrungen errichteten, räumte sie in ihrem kleinen Stand ihre Habseligkeiten weg. Bis sie ein Beamter mit den Worten "Da machen Sie jetzt sowieso kein Geschäft" aus der Gefahrenzone bat.

Der Grund der Hektik: Ein 46-jähriger Mann hatte einen Linienbus gekapert und drohte damit, ihn und sich selbst in die Luft zu sprengen. Fast zwei Stunden lang versuchte die Polizei, den Täter zur Aufgabe zu überreden. Letztendlich erfolgreich.

Begonnen hatte die Geschichte kurz nach 13 Uhr. Ein Passagier im voll besetzen Linienbus aus Bratislava weigerte sich, an der Endstation auszusteigen. Als der Buslenker nach dem Grund fragte, stellte der 46-jährige Slowake lapidar fest: "Ich habe eine Bombe." Forderungen stellte der Mann zunächst nicht, er ließ auch den Chauffeur, der die Polizei verständigte, ziehen.

Innerhalb kurzer Zeit war der Bus von Einsatzkräften umstellt, zwei Mann, Ernst Albrecht und Hannes Gulnbrein, nahmen die Verhandlungen mit dem Täter auf. Die beiderseitigen sprachlichen Verständigungsschwierigkeiten machten die Gespräche mühsam, klar war nur, dass der Mann nach der Presse und einer Slowakischdolmetscherin verlangte. Seine Drohung: Er habe einen Sprenggürtel umgeschnallt und werde sich und den leeren Bus in die Luft jagen.

Die Exekutive sperrte das Gelände in der Nähe des Südbahnhofes großräumig ab, da zunächst nicht zu erkennen war, ob der Mann unter seiner dicken Jacke nicht tatsächlich Sprengstoff verborgen hielt.

Der 46-Jährige zeigte sich aber gesprächsbereit, immer wieder trat er mit den beiden vor dem Bus wartenden, mit Splitterschutzwesten geschützten Beamten in Kontakt. Er gab auch seinen Pass zwecks Identitätsfeststellung ab. "Es gelang uns, eine Vertrauensbasis aufzubauen. Er weigerte sich aber, seine Jacke auszuziehen, und verlangte weiter nach der Dolmetscherin", schildert Verhandlungsführer Albrecht.

Verfolgung durch Mafia

Nach rund eineinhalb Stunden wurde seine Forderung erfüllt: Telefonisch stand er mit einer Übersetzerin in Kontakt. Der genaue Inhalt des Gesprächs war bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt, "er hat aber von mafiöser Verfolgung in seiner slowakischen Heimat gesprochen", fasst Albrecht zusammen. "Irgendetwas in dieser Richtung war ihm ein besonderes Anliegen, das er der Öffentlichkeit mitteilen wollte."

Klare Forderungen stellte der Mann dennoch nicht, er ließ nur durchklingen, dass er einige Zeit in Österreich bleiben wolle. Alkoholisiert habe er nicht gewirkt, schildern die Beamten. Ob er an einer psychischen Erkrankung leidet, wurde Montagnachmittag noch untersucht.

Gegen 14.40 Uhr gab der Mann schließlich auf: Er zog seine Jacke aus und stieg mit erhobenen Händen aus dem Bus, wo ihn Beamte sofort auf den Boden zwangen und durchsuchten. Sprengstoff fand sich keiner, und so konnte die Maronifrau ihre Geschäfte wieder aufnehmen. (der STAnDARD, Printausgabe 07.102003)

Von Michael Möseneder
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