Warten auf die ersten Zugausfälle

10. Oktober 2003, 18:25
40 Postings

Der Überstundenboykott der Eisenbahner blieb am Montag ohne spürbare Folgen - Kukacka und Grasser plötzlich uneinig über Einsparungen

Wien - Die Diskussion um die ÖBB-Reform geht munter weiter. Dafür sorgt der angelaufene Überstundenboykott durch die 47.000 Eisenbahner. Tatsächlich spürbar war dieser am Montag freilich (noch) nicht, die Verunsicherung unter den Fahrgästen war jedoch spürbar. "Ich fahre lieber mit dem Auto. Wer weiß, ob mein Zug nächsten Freitag tatsächlich fährt", war eine der häufig gestellten Fragen an Bahnschaltern und -auskunft.

Begründet sind derartige Bedenken freilich nicht, denn im Visier ist zunächst der Güterverkehr. Verweigern Lokführer und Verschubpersonal künftig Mehrarbeit, sind Zugausfälle die logische Folge - bei rund 700 fehlenden Lokführern wird es als Erstes vermutlich in der Ostregion eng, wird bei der Bahn befürchtet.

Spediteure und Frächter abwartend

Bei Spediteuren und Frächtern gibt man sich dennoch abwartend, man bedauert, dass Überstunden verweigert werden, weil die Konkurrenz von der Straße auf die ÖBB angewiesen ist. Die Reform wird prinzipiell begrüßt, weil damit die Transparenz steige. Hintergrund dafür ist freilich, dass hinter den ÖBB-Kampfpreisen stets Quersubventionierungen vermutet wurden.

Ob so heiß gegessen, wie gekocht wird, ist überhaupt fraglich, denn der Entfall von Überstunden bringt den Eisenbahnern Gehaltseinbußen. "Der Boykott wird auf dem Rücken der Reisenden ausgetragen", sagt ein 42-jähriger ÖBBler. "Und die zahlen viel Geld für ihre Zugfahrten." Daher hätten sie Anspruch auf pünktliche Züge. "Ich fahre meinen normalen Dienstplan und nix zusätzlich", bleibt ein Lokführer, der seit 21 Jahren bei der ÖBB arbeitet, hart. Pro Monat bis zu 30 Überstunden brächten zwar Geld, aber das Privatleben gehe drauf.

Streit ums Geld

Bei länger anhaltendem Protest - die Eisenbahnergewerkschaft will mit dem Überstundenboykott die Rücknahme der Bahnreform inklusive Teilung des Unternehmens in fünf Teilgesellschaften unter einem Holdingdach erzwingen - fürchtet man im Bahnmanagement, das Zugsangebot um bis zu 25 Prozent zurückschrauben zu müssen.

Gestritten wird allerdings nicht nur um die Überstunden, sondern auch ums Geld für das System Schiene: Während Finanzminister Karl-Heinz Grasser von einem "Ergebnisverbesserungsbeitrag" von einer Milliarde Euro durch eine "Effizienzsteigerung" im Umfang von 700 Mio. Euro und einer "Umsatzsteigerung" von 300 Mio. Euro ausgeht, erwartet VP-Verkehrsstaatssekretär Helmut Kukacka bis 2010 eine Kostenersparnis von einer Milliarde Euro. Darin enthalten: 300 Mio. Umsatzsteigerung, keinesfalls aber allfällige Preissteigerungen. Weitere 300 bis 350 Mio. Euro soll die Dienstrechtsreform bringen. Grassers 700 Mio. resultierten aus Personaleinsparungen im Wert von 500 Mio. Euro sowie je 100 Mio. Euro Einsparungen aufgrund der Dienstrechtsänderung und beim Sachaufwand erklärt. (ung, APA, Der Standard, Printausgabe, 07.10.2003)

Share if you care.