500.000 Besucher

29. September 2003, 18:00
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W. freut sich auf seinen Orden. Spätestens in drei Jahren, meint er, müsse es so weit sein...

 Und auch wenn er sich das Blech am Band mit seinen Kollegen im Organisationsteam des Wiener Volksliedwerkes teilen wird müssen, ist er jetzt schon stolz – und rätselt, ob er den Orden vom Kulturstadtrat, vom Bürgermeister, vom Kulturstaatssekretär, dem Bundeskanzler oder vielleicht gar dem Herrn (oder dann der Frau) Bundespräsident angeheftet bekommen wird. Darüber, welcher Orden es wohl sein wird, denkt W. nicht nach: Da, meint er, lasse er sich gerne überraschen. Aber eine Million Menschen für das Wienerlied mobilisiert zu haben, werde sicher honoriert werden. Und ich, gibt sich W. gönnerhaft, werde in seiner Dankesrede vorkommen. Schließlich sei ich ja mitschuld.

Dabei habe ich doch nichts anderes getan, als W.s Auftrag auszuführen: Bei der Eröffnung des von W. organisierten, heuer zum vierten Mal statt findenden, Wienerliedfestivals „Weanhean“ (wvlw.at) gab ich die Sprechpuppe. Grüßaugust, Künstleransager, Politikerbegrüßer und Sponsorenbedanker. 300 nette Menschen saßen in einem Praterlokal und freuten sich vor allem dann, wenn ich von der Bühne verschwand – schließlich gab es dann Musik zu hören. Irgendwas über das Festival, waren sich W. und ich einig, müsste ich aber auch sagen. Zum Beispiel, wie viele Besucher sich in den letzten drei Jahren aufgemacht hätten, um junge und alte, neue und bekannte Interpreten und Interpretinnen des Wiener Liedgutes zu hören. Er habe im Augenblick weder Unterlagen noch Ahnung bei der Hand, sagte W., ich solle halt einfach eine absurd hohe Zahl sagen. Eine, die keiner ernst nehmen würde.

Die Zahl

Ich entschied mich für eine halbe Million. Beinahe so viele, verkündete ich, hätten in den letzten Jahren „Weanhean“ besucht – heuer werde der oder die 500.000ste Besucher begrüßt, geehrt und mit einer lebenslangen Weanhean-Freikarte beschenkt. Gelächter bei den 300 Eröffnungsgästen. Erledigt. Dachten W. und ich. Aber wir hatten die Rechnung ohne die kritische Recherchekraft heimischer Medien und lokaler Politiker gemacht. Noch am selben Abend freute sich W. über einen ausführlichen Beitrag über sein Festival in der ZiB. Nachdem die Sänger gesungen und die Musiker gespielt hatten, tauchte der Fernsehmoderator wieder auf und verkündete todernst, dass „Weanhean“ heuer den 500.000 Besucher erwarte.

W. rief mich noch in der Nacht an und war amüsiert: Derartigen Schwachsinn zu übernehmen, zeige vor allem, wie aufmerksam Journalisten in Österreich mit Zahlen umgehen. Wie bereit sie sind, Dinge eine halbe Sekunde zu hinterfragen und nicht alles zu schlucken, was man ihnen vorsetzt. Wieviel Logik sie in ihre Arbeit einfließen ließen: Das Festival fände heuer zum vierten Mal statt, und führe jährlich rund zehn Veranstaltungen im Programm. Das stehe in jeder Presseaussendung. 500.000 durch vier, rechnete W. laut, bedeute also 125.000 Besucher pro Jahr. Aufgeteilt auf zehn Veranstaltungen ... W. röchelte: Die „Weanhean“-Events finden schließlich – darauf ist W. stolz – an Orten statt, die dem intimen Charakter des Heurigenliedes, der Schrammelmusik oder auch des Dudelns entsprechen. 300-Sitzplatz-Säle, meint W., wären da schon die Obergrenze. Danach heißt es „Stadl“.

Der Stadtrat

Wir lachten – und beschlossen das als einmaliges Lehrstück zum Thema Journalismus in Österreich ad acta zu legen. Aber dann machte uns die Politik einen Strich durch die Rechnung: Als Hauptunterstützer der Veranstaltungsreihe kam auch der Kulturstadtrat kurz auf die Bühne. Ein paar launige Wort, ein paar Bilder, das Versprechen, die Veranstaltung weiter zu subventionieren – und das war es dann schon wieder. Oder zumindest fast: Am nächsten Tag schickte das Büro von Andreas Mailath-Pokorny voll Stolz eine Pressemeldung an die heimischen Agenturen -­ also an alle Redaktionen des Landes: „Weanhean“ erwarte heuer den 500.000. Besucher stand da zu lesen. Österreichweit und amtlich beglaubigt von dem, der schließlich zur Vergabe der Gelder die Zahlen – auch die der Besucher – sehr genau angesehen haben muss. Irrtum ausgeschlossen. Undenkbar, dass in einem offiziellen Amt einer einfach irgendwelche Zahlen wiedergibt, die da launig von einer Bühne geplappert werden.

W. läuft seither mit stolzgeblähter Brust und in Erwartung eines größeren Kulturordens der Stadt oder der Republik herum, macht sich aber auch Sorgen: Nur für den Fall, dass mal wer nachfragt würde er gerne zwei oder drei Hallen in Wien nennen können, in denen er seine 12.500 Besucher pro Konzert verstecken könnte.

Nachlese
--> Der Überfall
--> Der Zebrastreifenbenutzer
--> Herbsteuphorie
--> Ausgedinge
--> Spaß mit Falschparkern
--> Hollywoodschaukel
--> Ali Baba
--> Flashmobs

--> Abschied vom Dachschwimmbad
--> Lerchenfelder Straße
--> Gusis Gartenwall
--> Blumen des Bösen
--> Weitere Stadtgeschichten ...

Die wöchentliche Kolumne von Thomas Rottenberg

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