Aufbruch der Taikonauten

8. Oktober 2003, 11:02
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Chinas erster bemannter Raumflug steht bevor - Raumfahrer nach dem chinesischen Wort für Weltall benannt

Der Countdown für den chinesischen Griff nach den Sternen läuft bereits auf Hochtouren. Für den als nationales Prestigeunternehmen geplanten ersten bemannten Raumflug trafen die in Peking ausgebildeten 14 Astronauten bereits im Raumfahrtzentrum Jiuquan in Nordwestchina ein. Sie werden nach dem chinesischen Wort für Weltall, Taikong, die "Taikonauten" genannt. Einer von ihnen soll mit der "Shenzhou V" (Gottesschiff) genannten Raumkapsel zum eintägigen Flug ins All aufbrechen dürfen.

Die USA haben der ehrgeizigen Mission schon in der vorigen Woche, zum Beginn der Nationalfeiern zur 54. Wiederkehr des Gründungstags der Volksrepublik China, einen reibungslosen Verlauf gewünscht. Chinas Regierung werde damit "Raumfahrtgeschichte schreiben", sagte Richard Boucher, Sprecher des US-Außenministeriums.

Die chinesische Fachpresse veröffentlicht immer mehr Details über die geheimen Vorbereitungen. Die dem russischen Modell "Sojus" nachgebaute und von China seit 1992 weiterentwickelte Raumkapsel wird aus Sicherheitsgründen tagsüber fliegen. Sie soll über der Inneren Mongolei zur Landung niedergehen.

Zwölf Boden- und Schiffsstationen werden den Flug überwachen. Das Raumschiff startet mit einem zusätzlich angebrachten, acht Meter hohen Überlebensaggregat für den Taikonauten. Im Notfall kann er sich während der Startphase und auch noch 160 Sekunden lang nach dem Start in der Zusatzkapsel in Sicherheit bringen.

Militärische Ziele

Neben dem Prestigewert verfolgt China damit hochtechnologische und militärische Ziele. Binnen drei Jahren wollen die Chinesen außerdem einen Satelliten zur Erforschung des Monds entwickeln. Neuartige Sensoren mit Ultraviolettstrahlung sollen geologische Daten des Monds und Informationen über Bodenschätze sammeln.

Fachzeitschriften nennen die zivile Raumfahrt das einzige Gebiet, auf dem die USA bisher China die Zusammenarbeit verweigern, den Austausch von Technologie scharf kontrollieren und fast alle chinesischen Besuchswünsche ablehnen.

"Bisher durften Astronauten aus mehr als 20 Nationen an US-Raumfahrtmissionen teilnehmen. Chinesen sind nicht dabei." So zitiert die neue Wochenzeitung Xibu Shibao Chinas Stabschef für die bemannte Raumfahrt, Zhang Houying, und den Kommandanten der Trägerrakete "Langer Marsch 2 F", Huang Chunping. Beide betonten, dass Eigenentwicklungen den Stand der bemannten Raumfahrt Chinas heute auf das Niveau der USA und Russlands in den Neunzigerjahren gebracht haben.

"Shenzhou V" sei mit Hochleistungskameras und Messgeräten bestückt, die das US-Monopol auf militärische Erkennungsfotos, Bodenbeschaffenheits- und Wärmemessungen aus größer Höhe brechen könnten. "Jetzt werden nicht nur die USA uns aus dem All beobachten. Wir können das auch mit den USA tun." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 7. 10. 2003)

Von Johnny Erling aus Peking

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