Schmerz lass nach und verschwinde

12. Oktober 2003, 20:28
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Die Schmerzforschung ist weit fortgeschritten - sogar den Ursachen chronischen Leidens will man auf den Grund gegangen sein. Was fehlt, ist die Umsetzung in die Praxis. Die hiesige Schmerzmedizin steckt in den Kinderschuhen

Die Möglichkeiten der modernen Schmerztherapie sind eigentlich vielfältig. Sie reichen vom Opioid-Pflaster, das den Magen-Darm-Trakt schont und mindestens 72 Stunden wirkt, über Arzneimittelinfusionen durch Pumpenimplantate bis zur Akupunktur. Sogar den Ursachen chronischer Schmerzen ist ein Forschungsteam unter der Leitung des Wiener Neurophysiologen Jürgen Sandkühler bereits sehr nahe gekommen. Sandkühler fand eine Gruppe von überempfindlicher Nervenzellen im Rückenmark, die für das so genannte "Schmerzgedächtnis" verantwortlich sind. Die Entstehung des Schmerzgedächtnisses könnte durch stark wirkende Schmerzmittel wie Opiate gehemmt oder durch andere Therapien, wie "Tens", die transkutane elektrische Nervenstimulation durch Elektroden auf der Haut, gelöscht werden.

Das Wissen um Schmerzursachen und -therapien wäre also vorhanden, was fehlt ist die Umsetzung. Die dritte Österreichische Schmerzwoche, eine von der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) organisierte Informationskampagne, zeigte die Mängel auf. Die Schmerzmedizin steckt in Österreich noch in den Kinderschuhen. Die Leidensgeschichte von Schmerzpatienten gleicht oft einer Irrfahrt durch Arztpraxen. Renate Skledar, Patienten- und Pflege-Ombudsfrau des Landes Steiermark, anlässlich Schmerzwoche: "Die meisten Patienten, die uns kontaktieren, haben einen langen Leidensweg hinter sich: Sie gehen von einem Arzt zum anderen, sie werden in mehreren Krankenhäusern behandelt, niemand kam jedoch auf die Idee, sie einer Schmerzambulanz zuzuweisen."

Die Statistik liefert den Beweis: Schmerzpatienten leiden durchschnittlich seit 5,8 Jahren. "Es ist ein langer Weg, bis man den richtigen Doktor findet", bestätigt Frau Summer aus Bregenz. Die 56-Jährige leidet an chronischen krampfartigen Kopfschmerzen, ausgelöst durch einen Halswirbelschaden. Zum körperlichen Leiden kam mit den Jahren die Verzweiflung. Denn ernst genommen wurde Frau Summer mit ihren Schmerzen nicht. Nach sechs Jahren Suche fand Frau Summer bei Alfred Witzmann, dem Leiter der Neurochirurgie am Landeskrankenhaus Feldkirch Hilfe. Der Schulmediziner ist überzeugter Akupunkteur und Chiropraktiker. "Das eine schließt das andere nicht aus, sondern ergänzt sich ideal", sagt der Mitbegründer der Schmerzgesellschaft.

Das Recht auf bestmögliche Schmerztherapie ist eines der wichtigsten Patientenrechte, festgeschrieben in der Patientencharta. Für die Umsetzung fehlen aber die Rahmenbedingungen und das allgemeine Bewusstsein: "Ärzten, Politikern und Patienten gehört bewusst gemacht, dass dank der breiten Palette medikamentöser und nicht medikamentöser Methoden Schmerzen vermeidbar sind", fordert Eckhard Beubler, Präsident der ÖSG. Meist machen Patientinnen und Patienten die gegenteilige Erfahrung. Eine Tiroler Studie ergab: Die Hälfte der Befragten ist der Ansicht, "dass mein Arzt eher meine Krankheit als meinen Schmerz behandelt". Fast jeder Fünfte meine, "dass mein Arzt nicht weiß, wie er meine Schmerzen kontrollieren soll". Eine der Forderungen der ÖSG ist daher die flächendeckende Versorgung mit schmerzmedizinischen Angeboten durch die Errichtung von Schmerzambulanzen. Eine weitere Grundvoraussetzung für die patientenorientierte Schmerzmedizin wäre, so Beubler, die Verbesserung der Ausbildung durch ein Zusatzfach Schmerzmedizin. (Jutta Berger/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 6. 10. 2003)

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